Schwarzer Doo Wop

 
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Schwarzer Doo Wop

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Gepostet: 29.12.2008 - 22:53 Uhr  ·  #1
Schwarzer Doo Wop

aus: wikipedia

Doo Wop ist die Bezeichnung für eine Rhythm-and-Blues-Unterart, die einen besonderen Schwerpunkt auf das mehrstimmige Gesangsarrangement legt. Der Stil entwickelte sich ab 1948 und wurde in den schwarzen Vierteln amerikanischer Großstädte vor allem unter Brücken, in U-Bahnhöfen und Greyhound-Wartehallen gesungen. So ist Doo Wop eng verbunden mit der besonderen Akustik öffentlicher Räume. Balladen wechselten sich mit schnellen Nummern ab. Ab 1956 schafften es immer mehr Doo Wop-Nummern in die Billboard-Charts. Der reine A cappella-Stil der Straße wurde dabei nur selten beibehalten. In der Regel wurde bei Platteneinspielungen sanfte Instrumentalbegleitung in typischer Rhythm-and-Blues-Besetzung (Saxophon, Piano) beigefügt. Auch Gimmicks wie Glockenspiele waren bei Doo Wop-Balladen typisch.

Vertreter: The Penguins, The Moonglows, Frankie Lymon & the Teenagers, The Platters
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Zwischenruf

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Gepostet: 29.12.2008 - 22:56 Uhr  ·  #2
Der Begriff "Doowop", "Doowoop" oder "Doo Wop"
wurde erst Ende der 60er Jahre erfunden...

Auch in Deutschland war man erstaunlicherweise "hilflos",
was Kategorisierungen angeht. Beispiel gefällig?

Stefan Blankertz/Götz Alsmann - "Rock´n´Roll Subversiv"
(Verlag Büche der Pandora GmbH, 1979)
"Die mit "Doo-Wop" bezeichnete Musikrichtung könnte
ebensogut "Shoo-Bam", "Ooh-Wah" oder "Bangitty-Shang"
heißen; all diese Wortschöpfungen sind dem wortlosen
Harmoniegesang, der sein Hauptelement ist, entnommen,
aber "Doo-Wop" hat ich nun mal durchgesetzt."
(Seite 43)
Klasse, Götz, nur WANN war das? - Genau, Ende der 60er Jahre!

Schöne Grüße, auch nach Münster!
(KEINE Meckerei!)
Dieter
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doo wop - zwischenruf

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Gepostet: 30.12.2008 - 11:40 Uhr  ·  #3
hallo hardi+ hier muss ich dieter wieder recht geben+ im bilboard magazin wurden in den
50ziger alle gruppen wie midnighters-dominoes usw. als rhythm and blues angeführt+ wann der
begriff doo wop als überbegriff einer musikrichtung erstmals aufschien, habe ich in vielen
büchern nicht gefunden+das es sicher die 60ziger jahre sind steht fest-aber wann??? ick kenne
keine us charts in den 50zigern wo die "cardinals " als doo wop gruppe angeführt sind- oder
wo das wort doo wop aufscheint+
liebe grüsse hans peter
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Doo-Wop - Barry Hansen

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Gepostet: 20.10.2018 - 17:22 Uhr  ·  #4
In dem Buch " The Rolling Stones Illustrated History Of Rock & Roll" von 1976
schreibt der Autor auf den Seiten 82 bis 91 eine Geschichte der Platten und Lieder
und hat jeweils eine Seite Text und gegenüber viele s/w Fotos der Gruppen.
Auf Seite 82, linke Spalte, heißt es:

"No particular name was given to this form of R & B music by the people
who made and enjoyed it in the Fifties. Today we call it"doo-wop," after two
of the many characteristic nonsense syllables invented early in the game by
the fellows who didn´t get to sing lead and got tired of singing nothing but "aaaaah."
I´d just as soon call it "sh-boom" or "ookey ook" or
"oodly-pop-a-cow po-a-cow pop-a-cow pop-a-cow" (I Promisde To Remember,"
Frankie Lymon and the Teenagers, 1956), but doo-wop will do.

Zum Schluss heißt es auf Seite 90 oben:
"Despite such fanatism, neo-doo-wop did not survive the British Invasion of 1964 ...
Once again, the sweet sounds faded from the airwaves, to live on in the minds of
collectors, the bank accounts of rare record dealers, and the hearts of just
about everyone who had the fortune (good or bad) to be young in those times."

Jim Pewter sprach auch schon 1970 von doo-wop, wenn er die
entsprechenden Lieder spielte und unterschied zwischen weißem und
schwarzem doo-wop!
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Re: Schwarzer Doo Wop

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Gepostet: 21.10.2018 - 11:23 Uhr  ·  #5
Hallo Rüdiger,

dieser Barry Hansen veröffentlichte seine Sichtweise über den "Doo Wop" in "Rolling Stone - Bildgeschichte der Rockmusik", herausgegeben von Jim Miller - Deutsche Erstausgabe rororo, Dezember 1979:

Von allen je auf diesem Planeten benutzten Musikinstrumenten ist das einzige, das nie seine Beliebtheit verloren hat, auch das einzige, das nicht von der Menschheit erfunden wurde - der Kehlkopf. Kein anderes Instrument, sei es Mbira oder Moog-Synthesizer, hat je die Vielfalt, Wandelbarkeit und Wirkung der menschlichen Stimme erreicht.

Der Kehlkopf hat jedoch eine äußerst hinderliche Eigenschaft: er kann nur eine Note auf einmal zustande bringen. Das wirkte sich besonders nachteilig aus, als das musikalische Vokabular in Europa während der frühen Renaissance um bewegliche Basslagen und Akkordwechsel - das, was wir als Harmonie bezeichnen - erweitert wurde.

Alle übrigen Musiker und Sänger auf der ganzen Welt sind bis vor kurzem ohne Harmonie ausgekommen, die Europäer und ihre amerikanischen Verwandten jedoch - einschließlich der in der Neuen Welt lebenden Schwarzen, die durch die Aneignung der aus der Alten Welt stammenden Traditionen den Löwenanteil zu der in Amerika freigewordenen musikalischen Energie beigesteuert haben - haben die Harmonie schon immer für etwas Unentbehrliches gehalten.

Rock’n’Roll bildet hierbei, was immer seine Lästerer auch behaupten mögen, keine Ausnahme. Mehrstimmiger Gruppengesang hat in jeder Phase der Rock-Entwicklung eine wichtige Rolle gespielt. Besonders große Bedeutung hatte er in den fünfziger Jahren, als ein paar Dutzend recht bekannter Gesangsgruppen und weit über tausend unbekannte Gruppen, die hauptsächlich aus Schwarzen bestanden, die Musik hervorbrachten, die unter Rock’n’Roll-Kennern als das Beste vom Besten gilt, jedenfalls, wenn man den Wert dieser Musik nach den Preisen beurteilt, die die Platten unter Sammlern erzielen.

Die Leute, die in den fünfziger Jahren diese Art der Rhythm&Blues-Musik gemacht oder gerne gehört haben, gaben ihr keine besondere Bezeichnung. Wir nennen sie heute "Doo-wop" oder auch "Doo Wop" nach zwei der vielen charakteristischen Nonsens-Silben, die schon in den allerersten Anfängen von denen erfunden worden sind, die es nie zu Solosängern gebracht hatten und es leid waren, immer nur „aaaaah“ zu singen. Ich könnte sie genauso gut „sh-boom“ nennen, oder „ookey ook“ oder „oodly-pop-a-cow pop-a-cow popa-cow cow“ (“I Promise to Remember“, Frankie Lymon And The Teenagers, 1956), doch "Doo Wop" sollte reichen. Schwarzer mehrstimmiger Gruppengesang ist so alt wie Amerika. Einige bemerkenswerte Beispiele dafür wurden in den zwanziger Jahren vom Norfolk Jazz Quartet aufgenommen, einer Gospelgruppe, die im Jazz-Zeitalter ein wenig rückfällig wurde. Alle haben die Mills Brothers gehört. Für den Rock’n’Roll wären die ebenso berühmten Ink Spots als Vorgänger von noch größerer Bedeutung, deren Stücke, zum Beispiel “If I Don't Care“ und “My Prayer“ mit dem Solo-Sänger Bill Kenny und dem sprechenden Bassman "Hoppy" Jones zu den amerikanischen Bestsellern Ende der dreißiger, Mitte der vierziger Jahre gehörten.

Die Spots gerieten nach Jones' Tod im Jahre 1944 langsam in Vergessenheit, doch ihr ungeheurer Erfolg war Anlass zu zahllosen Imitationen. 1949 hatten es zwei Gruppen zu nationalem Starruhm gebracht, zumindest bei den schwarzen Fans: Die Ravens, deren Bass-Sänger Jimmy Ricks praktisch die Rolle des "Mr. Bassman" erfunden hat, und die Orioles, deren Mitglied Sonny Til die Tradition von Bill Kenny fortsetzte. Durch Aufnahmen von Stücken der Orioles, wie “Tell Me So“ (1949), kam zum Gesangsschema der Ink Spots ein wichtiger Bestandteil hinzu: ein Falsetto ohne Worte, das für den Solo-Sänger eine Art von Obligato abgab. Dieses Stilmittel, zusammen mit einer etwas rauheren Stimmfärbung und einem freieren, stärker hervortretenden Background, lässt “Tell Me So“ wie mittelalterlichen Rock’n’Roll anmuten, wogegen die Ink Spots einen sicheren Platz in der Früh- und Vorgeschichte des Rock’n’Roll innehaben.

Alle drei dieser Pionier-Gruppen, die Ink Spots, die Ravens und die Orioles, haben auch eine Reihe schneller Stücke aufgenommen, Swing-Melodien mit einem verhaltenen, zarten Anstrich, die sich ein halbes Jahrhundert später mitreißend anhören. In den frühen fünfziger Jahren klangen sie jedoch wie sanftes Gesäusel. Die Boppers, die damals aufkamen, waren wahrscheinlich ebenso sentimental wie ihre älteren Schwestern und Brüder, wenn gegen Ende des Abends mehr die langsamen Sachen gebracht wurden, doch wenn was los sein sollte, dann war das “Ol' Man River“ der Ravens einfach nicht mehr das Wahre. An ihre Stelle traten die Dominoes, die Clovers und die Drifters, bei denen selbständiger Solo-Gesang im Gospel-Stil mit einem Beat kombiniert war, der weitaus mehr in den Vordergrund trat, als das bisher bei schwarzen Gesangsgruppen der Fall gewesen war.

Die nächste Hauptperson in unserer Geschichte ist Alan Freed, der keine Note singen konnte. Freed brachte in seinen Rundfunkshows schwarze Gesangsgruppen groß heraus. Als die Verkaufsziffern der Platten mit Aufnahmen schwarzer Gesangsgruppen in die Höhe schnellten, waren alle Rhythm-&-Blues-Plattenfirmen (und auch einige, die von dieser Musik bisher kaum Notiz genommen hatten) plötzlich hinter Gruppen her. Die Gruppen mit Vogelnamen vermehrten sich wie Kaninchen, bald gesellten sich noch Insekten-, Blumen- und Automarken-Namen jeder Art dazu.

Nur wenige konnten ein Stück so schmeichelnd und sanft vortragen wie die Orioles. Nur wenige konnten ein Stück, das sexy war, mit dem Feuer an den Mann bringen, wie der Solo-Sänger der Drifters, Clyde Mc Phatter. Die Nachfrage Mitte der fünfziger Jahre war jedoch so groß, dass sie von diesen Meistern ihres Fachs unmöglich allein befriedigt werden konnte, und in den Städten wimmelte es nur so von aufstrebenden Gesangsgruppen. Es wird geschätzt, dass auf eine Schallplattenaufnahme ungefähr 15.000 Gruppen kamen. (Ich würde mindestens eine Null streichen, doch um der Legende willen, soll diese Zahl so stehen.)

Die meisten dieser Platten waren ein Reinfall, das heißt, von jeder Platte wurde nur eine relativ geringe Zahl verkauft. 1960 dann, als die ersten Leute merkten, dass Rock’n’Roll-Platten 1. gut und 2. immer schwerer aufzutreiben waren, wurden gewisse Leute (besonders in New York) so große Anhänger der Gesangsgruppen der fünfziger Jahre, dass sie jede Platte dieser Musikrichtung besitzen wollten, egal, wie die musikalische Qualität war. Die seltensten Stücke, sprich solche, die keiner kaufen wollte, als sie neu rausgekommen waren, trieben bald die Preise in die Höhe und führten zu einer Subkultur, in der die alten Platten vor allem nach dem Preis und dann erst nach der musikalischen Qualität bewertet wurden.

Es gibt sicherlich viele Sammler, die diese Musik mögen, obwohl der Eindruck aufkommt, dass keiner von ihnen diese Platten gerne vom Anfang bis zum Ende spielen möchte. Es hat sicherlich etwas Erhebendes an sich, eine 500 Dollar-Platte oder auch eine gefälschte Kopie davon zu besitzen, obwohl das natürlich der Gruppe nichts nützt, die dieses Stück im Jahr 1955 herausgebracht hat und vor die Tür gesetzt wurde, als sich nur 83 Stück davon verkaufen ließen. Ich persönlich mag die Hits lieber, das sind einfach die besseren Platten.

Typisch für die bekannten Gruppen der fünfziger Jahre ist, dass sie einen Kompromiss zwischen dem balladenhaften Stil der Ink Spots und der Orioles und der Inbrunst der Rhythm- und Gospelsänger schlossen, wobei sie einem oder beiden dieser Vorbilder so nahe kamen, wie ihr Talent das zuließ. Meistens hatten ihre Platten eine schnelle und eine langsame Seite. Sehr häufig wird das Stück “Crying in the Chapel“ (1953) von den Orioles als die erste Rhythm & Blues-Aufnahme angeführt, die ein großes weißes Publikum für sich gewinnen konnte. Da das eigentlich ein Country-Titel war, glaube ich, dass es sich hier einfach um einen glücklichen Zufall gehandelt hat, einen herrlichen immerhin. Sehr viel ergiebiger waren die 1954 zusammen auf einer Platte herausgebrachten Stücke “Gee“ und “I Love You So“ von den Crows. Diese Platte lieferte den zahlreichen Musikern, Autoren und Komikern (zum Beispiel Freberg) hinreichende Bestätigung für die Annahme, dass es den Rock’n‘Roll-Künstlern an den fundamentalsten musikalischen Kenntnissen und Techniken mangelt und dass die Lage hoffnungslos ist. In dem schnellen Stück “Gee“ versucht sich der Leadsänger an einem Clyde McPhatter-Gospelschrei, bringt jedoch nur ein Krächzen (oder Krähen) hervor. Die ebenso beliebte B-Seite “I Love You So“ ist ein jämmerlich disharmonisches Balladenstück, das mit „I love you so/I want you to know/I'm telling you darling/I'll never let you go“ beginnt und im Laufe des Stücks immer noch mehr an Aussagekraft und Deutlichkeit verliert.

Soviel zu den Crows, könnte man sagen. Doch eine ganze Generation liebte diese Platte. Es ist schon eine Menge darüber geschrieben und gesagt worden, dass Rock’n’Roll in den fünfziger Jahren an jeder Straßenecke von den Kindern der Nachbarschaft gesungen wurde, und es lässt sich nicht leugnen, dass “Gee“ und “I Love You So“ etwas herrlich Amateurhaftes an sich haben. Durch die technische Perfektion und den Aufwand bei Plattenaufnahmen und Auftritten in den siebziger Jahren ist dieser Amateurgeist fast völlig aus der Rockmusik verdrängt worden, und das ist ein ziemlicher Verlust.

Mit Alan Freeds Unterstützung wurden Tausende amerikanischer Teenager durch “Gee“ und gleichzeitig erschienene Platten dieser Art zu Anhängern des Rock’n’Roll, der aus dem Rhythm & Blues hervorgegangen war. Diese Musik entsprach 1954 noch nicht dem Mehrheitsgeschmack, doch das sollte sich sehr schnell ändern. Jede Woche kamen mehrere Dutzend neue Platten von Gesangsgruppen heraus. Was die Qualität dieser Platten anbelangt, so war von den perfekt aufgenommenen Produkten der großen unabhängigen Firmen wie Atlantic und King - die aggressive Werbung betrieben - bis zu Stücken, die auf dem heimischen Aufnahmegerät zusammengeschustert worden waren - für die von einer Telefonzelle aus Reklame gemacht wurde und die jemand vom Kofferraum eines Autos aus verkaufte -, alles vertreten.

Die Geschichte von “EarthAngel“, der Rhythm&Blues-Sensation Ende des Jahres 1954, ist ein typisches Beispiel. “Earth Angel“ von den Penguins, das oft als der Lieblings-Rhythm&Blues-Oldie aller Zeiten bejubelt wird, war ursprünglich Anfang 1954 von Dootone Records in Los Angeles herausgebracht worden.

Dootone befand sich im Besitz eines Produzenten aus dem Süden von Los Angeles namens Dootsie Williams (der es später mit einer endlosen Serie zweideutiger Komiker-Platten von Redd Foxx zum Erfolg brachte). Kurz bevor die Penguins auf der Bildfläche erschienen, war Dootsie aus der Kofferraum-Telefonzellen-Garde aufgerückt, und zwar mit Hilfe von "Party"-Platten von Billy Mitchell und Hattie Noel; keinesfalls konnte Dootone jedoch 1954 als größere unabhängige Firma gelten, nicht einmal gemessen am Rhythm&Blues-Standard.

Die Penguins, die ihren Namen von dem Markenzeichen für Kool-Zigaretten hatten, gingen noch zur Fremont High School in Los Angeles, als Dootsie auf sie aufmerksam wurde. Seiner Meinung nach mussten sie noch mehr üben, er nahm aber trotzdem zwei Demos und sechs Masterbänder mit ihnen auf. “Earth Angel“, das unter den Masteraufnahmen war, könnte sehr leicht für ein Demo gehalten werden, so dumpf, verzerrt und miserabel ausgesteuert ist der Klang. Dootsie brachte die Platte dennoch heraus, und zwar auf der B-Seite der zweiten Platte der Gruppe bei Dootone, “Hey Senorita“.

“Senorita“ verschwand spurlos in der Versenkung, doch “Angel“ brachte trotz Garagenakustik und allem die Lautsprecher zum Glühen, wo es auch erklang. Die Hörer verliebten sich augenblicklich in die einleitenden Klavierklänge, in die Melodie, den Text und Cleve Duncans Gesang, denn das alles war der reinste Ausdruck wahrer Liebe, der von keinerlei künstlerischen Ambitionen verwässert war. Das war richtige Musik für alle - sie hätte auch von dir oder deinem Liebsten sein können - und doch war sie unbeschreiblich schön. Während der nächsten zehn Jahre versuchte eine Gruppe nach der anderen, dieses Destillat aus reiner Rock’n’Roll-Romantik nachzuahmen, das bar allen künstlerischen Firlefanzes wie zum Beispiel komplizierter Harmonien oder cleverer Texte war.

Und was gibt es über die Penguins selber zu berichten? Leadsänger Cleve Duncan hat ihre Geschichte in einer 1972 erschienenen Ausgabe von Record Exchanger aufgeschrieben, dem größten und beständigsten Forum für alle möglichen Berichte, die mit Rock’n’Roll- und Rhythm&Blues-Oldies zu tun haben. Die Geschichte der Penguins könnte genauso gut die Geschichte jeder anderen der Hunderte von Doo Wop-Gruppen sein. “Earth Angel“ erreichte # 1 auf der Rhythm&Blues-HitIiste und # 8 auf der Pop-Hitliste, wobei es die letztere Position gemeinsam mit einer zähen Pop-Cover-Version der Crew Cuts belegte. Die Penguins traten in Harlems Apollo Theater, im Paramount in Brooklyn (mit Alan Freed) im Regal in Chicago und in den meisten anderen wichtigen Schauplätzen für Rhythm&Blues der damaligen Zeit auf.

Bei der Auszahlung von Tantiemen kam es jedoch sehr bald zu einer Auseinandersetzung mit Dootone. In ihrer Verzweiflung wendete sich die Gruppe an Buck Ram, der Freunde von ihnen, die Platters, managte. Ram schaffte es, die Penguins aus dem Dootone-Vertrag herauszubekommen und brachte sie zusammen mit den Platters bei Mercury unter. Die Penguins zahlten einen hohen Preis dafür: in einem Gerichtsverfahren wurden Dootsie Williams alle Rechte für “EarthAngel“ zugesprochen.

Bei Mercury machten die Penguins einige gute Aufnahmen, es gelang ihnen aber kein weiterer großer Hit mehr. Mercurys Begeisterung schwächte sich ab, und nach Ablauf des ersten Jahres kam es nicht mehr zu den acht Aufnahmen pro Jahr, die in dem Vertrag mit den Penguins festgelegt worden waren. Die Penguins wechselten zu Atlantic über, doch nach einer durchgefallenen Atlantic-Aufnahme kehrten sie nach Los Angeles zurück, wo sie, inzwischen älter und weiser geworden, aber auch tief verschuldet, nun wieder für Dootsie Williams arbeiteten. Sie blieben bei Dootsie und hatten zwei Jahre lang keinen Hit; nach einem letzten Versuch bei Sun State Records löste sich die Gruppe in ihrer ursprünglichen Zusammensetzung auf. Seitdem hat Cleve zu verschiedenen Gelegenheiten neue Penguins angeheuert. Eine dieser Gelegenheiten war 1963 die Aufnahme eines Stückes, das “Memories of El Monte“ hieß und von dem jungen Frank Zappa und von Ray Collins geschrieben worden war. In neuerer Zeit sind die Penguins bei Rock’n’Roll-Revival Shows wieder zu hören gewesen, wo sie zusammen mit Dutzenden anderer Gruppen auftreten, von denen jede ihre eigene bittersüße Geschichte über die Vergänglichkeit des Erfolgs zu erzählen hat, über die Enttäuschung, dass es nicht gelingt, ihn aufrechtzuerhalten.

Von allen bekannteren Doo Wop-Gruppen brachten es nur zwei zu dauerhaften Pop-Erfolgen: die Platters und die Coasters. Auch Frankie Lymon And The Teenagers sollen ehrenhalber erwähnt werden. Ein paar weitere Gruppen, die schon früh ins Geschäft eingestiegen waren, konnten sich jahrelang ein treues Rhythm&Blues-Stammpublikum halten, ohne dass ihnen dabei ein großer Pop-Hit zu Hilfe kam: die Spaniels, die Moonglows, die Five Keys, die Charms, die Flamingos. Die meisten der Doo Wop-Gruppen hatten einen oder zwei große Hits, und aus und vorbei war's. Kein anderer Bereich der kommerziellen Unterhaltung kann sich mit der Doo Wop-Musik messen, was das verwirrende Feuerwerk der einmaligen Zufallstreffer anbelangt. In den fünfziger Jahren hatten Gruppen sehr viel schneller Erfolg als heute, doch der Misserfolg stellte sich mindestens ebenso schnell ein. Doch was für einmalige Zufallstreffer waren das! Hier sind einige der Favoriten:

“Story Untold“ von den Nutmegs. Dieses Stück, das ist Doo Wop Mitte des Jahres 1955. Anders als “Earth Angel“ ist dieses Stück sorgfältig aufgenommen und wird von einer professionellen Combo begleitet. Ebenso wie bei “Angel“ sollen auch hier romantische Gefühle in einem langsamen Tanzrhythmus zum Ausdruck kommen, und zwar völlig unbelastet von künstlerischen Ambitionen. Während die Background-Stimmen ihre übliche Aufgabe nach allen Regeln der Kunst erfüllen, singt Leroy Griffin einen Solo-Part, bei dem es ihm gelingt, ausdrucksvoll zu sein und zugleich stilistisch neutral zu bleiben, indem er sich weder um einen kraftvollen Gospelgesang noch um den Schimmer und Glanz eines Bill Kenny bemüht. Die Nutmegs haben ihren Namen von ihrem Herkunftstaat Connecticut, dessen Wahrzeichen die Muskatnuß (Nutmeg) ist.

“Speedo“ von den Cadillacs. Obwohl langsame Tänze in den fünfziger Jahren sehr beliebt waren, ist die Hälfte der Doo Wop-Stücke, die populär wurden, ziemlich schnell. In diesem Stück übernimmt nach einer vom Bass beherrschten Einführung Earl Carroll (identisch natürlich mit Mr. Earl; er ging später zu den Coasters) dieses Macho-Manifest, das von Esther Navarro geschrieben wurde. Der Text klingt so, als wäre er spontan entstanden, doch die Charakterisierung der Hauptperson ist gut gelungen. Ist hier schon einmal aufgefallen, dass das Saxophonsolo ein schnelleres Tempo hat, als die übrige Platte?

“Why Do Fools Fall in Love“ von den Teenagers mit Frankie Lymon. Der unter einem Unglücksstern stehende Frankie, der 1968 auf tragische Weise ums Leben kam, war der hervorragendste Knabensopran unserer Zeit; der volle, runde Klang seiner Stimme stellt das Geblöke aller späteren vorpubertären Idole in den Schatten. Dieses Stück, das Frankie mitverfasst hat, entspricht allen Erwartungen an ein Gedicht, das bei einem Schulwettbewerb in Poesie den dritten Preis gewonnen hat, doch Frankies Stimme und die lebendige Musik lassen es zu einem ekstatischen Freudengesang werden. Der Bassist Sherman Garnes leitet mit einem resonanten „eh too m- ah- ta- too m - ah - ta- tom - ah - toh doh“ Sie können das schreiben, wie Sie wollen das Stück ein. (Garnes war auch der Schöpfer von „oodly -pop - a- cow cow“) Vor Frankies Stimmwechsel konnten sich die Teenager einer ungewöhnlich langen Reihe von Hits erfreuen, unter ihnen “I Want You to Be My Girl“ und “The ABCs of Love“. Mehr soziales Bewusstsein, als in “I‘m Not a Juvenil Delinquent“ zum Ausdruck kommt, hat die Musik bisher noch nicht an den Tag gelegt.

“In the Still of the Nite“ von den Five Satins. Dieses Stück, das ein Jahr nach “Story Untold“ entstanden ist, stellt einen weiteren Schritt zur Befreiung der Musik von künstlerischem Aufputz dar. Der Großteil des stimmlichen Kontrapunktes wurde zugunsten eines einfachen „shoo- doo-shoo-be- doo“ aufgegeben, das so beständig wiederholt wird, bis es wie ein hypnotisierender Angelpunkt wirkt, und dazu singt Fred Parris das romantische Solo in einem Stil, der noch neutraler ist als der von Leroy Griffin. 1956 war dieses Stück ein leidlich erfolgreicher Hit, doch danach machte es “Earth Angel“ als dem ständigen Lieblings-Oldie ernste Konkurrenz.

“Come Go with Me“von den Dell-Vikings. Die Dell-Vikings, die erste einer ganzen Reihe rassisch gemischter Gesangsgruppen, waren zu der Zeit, als sie “Come Go with Me“ in Pittsburgh bei einem Diskjockey zu Hause im Keller aufnahmen, alle bei der Air Force. Nachdem das Stück bei der Plattenfirma Fee Bee am Ort Erfolge verzeichnen konnte, wurde es von Dot auf den überregionalen Markt gebracht, und das war der erste Wechsel zu einer anderen Plattenfirma, die die Dell-Vikings während ihrer Karriere, die sehr bewegt verlaufen sollte, vornahmen. Es gibt keine originelle Zeile in dem Text, die Klischees sind so unglaublich abgenutzt, wie man sich das nur vorstellen kann, doch das beste an der Platte sind die Stellen, wo sie nur Silben singen, „dum dum dum dum dum-be-oo-bee“. Eine sagenhafte Platte zum Tanzen.

“Silhouettes“ von den Rays. Hier haben wir es mit einer äußerst professionellen Sache zu tun, das Stück ist das Werk von Leuten, die ihr Handwerk verstehen und die von den Komponisten und Produzenten Frank Slay und Bob Crewe unterstützt wurden. Der Text dieses Stückes über eine Verwechslung ist verglichen mit den vorher beschriebenen richtig phantasievoll, die Musik ist jedoch so einfach und kunstlos, wie sich das ein Doo-Wopper nicht besser wünschen könnte.

“Get a Job“ von den Silhouettes. Dieses Lied handelt von einem Typen, der von seiner Frau dauernd dazu gedrängt wird, sich doch endlich einen Job zu suchen, für Doo Wop ein sehr ungewöhnliches Thema aus der Erwachsenenwelt. Ich glaube aber nicht, dass das viele Leute gemerkt haben, denn die Background-Sänger machen die ganze Show aus, vom ersten „Byip byip byip byip“ bis zum heftig umstrittenen „sha na na“ oder „sha-da-da“. Unheimlich viele Sohlen wurden 1958 zu “Get a job“ durchgetanzt.

“Book of Love“ von den Monotones. Noch ein hervorragender Zufallstreffer; ebenso wie den Silhouettes gelang es dieser Gruppe nie wieder, unter den ersten Hundert auf der Hitliste zu erscheinen, für diejenigen jedoch, die das Bizarre mögen, lohnt es sich, die nachfolgenden Hitversuche der Monotones, “Legend of Sleepy Hollow“ und “Zombi“ anzuhören. Diese Platte hat den einfachsten und einprägsamsten Aufhänger des Jahrzehnts, einen einzigen Bass-Paukenschlug, der einsam mitten im Chorgesang wie von selbst passiert. “Book of Love“ kam ziemlich gegen Ende des klassischen Doo-wop heraus.

Im Jahre 1958 war die Lage so, dass sich die Rhythm&Blues-Gruppen in ihrem Kampf um die 98 Cents der jungen Plattenkäufer (in dem Jahr war der Preis von 89 Cents auf 98 Cents erhöht worden) auf verlorenem Posten gegenüber den jungen, durchweg weißen Künstlern befanden, die ausreichend Gelegenheit hatten, sich in der Fernsehsendung “American Bandstand“ zu produzieren.

Zwei ganz und gar verschiedene Gruppen, die Platters und die Coasters, setzen die Doo Wop-Tradition in etwas abgewandelter Form fort. Zur Einführung der ersten Gruppe begeben wir uns zurück in das Jahr 1955, als durch “Rock Around the Clock“ die Minorität der Rock-Anhänger zu einer Majorität wurde. Das zweitgrößte Rock-Ereignis des Jahres war das Auftreten einer Doo Wop-Gruppe, die sich Platters nannten. Die Platters waren das erste Mal 1955 auf den Hitlisten in Erscheinung getreten, nachdem sie durch ihren Manager Buck Ram bei Mercury, einer der führenden Plattenfirmen, untergekommen waren. Die Platters waren eine erfahrene, routinierte Gruppe, die schon zahlreiche Aufnahmen bei einer der größeren unabhängigen Firmen, bei Federal, gemacht hatten. Ram, der früher Stücke für die Original-Ink Spots geschrieben hatte, verhalf den Platters zu einer modernisierten Reinkarnation der Spots, wobei Tony Williams den Bill Kenny-Part übernahm. Um die Musik auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen, schwor Ram auf einen soliden Rhythmus-Teil mit vielen Triolen. Das letzte Stück, das die Platters bei Federal herausbrachten, war ein von Ram komponiertes Stück mit dem Titel “Only You“. Die Gruppe nahm es bei Mercury gleich noch einmal auf, in brilliantestem HiFi. Es wurde sofort ein Volltreffer. “The Great Pretender“ war sogar noch erfolgreicher, es war die erste Doo Wop-Platte, die # 1 auf der Hitliste schaffte. Nach einem weiteren von Ram komponierten Hit, “You've Got the Magic Touch“ erwiesen die Platters mit “My Prayer“, einer beinahe naturgetreuen Version des Ink Spots-Hits aus dem Jahre 1939, ihren Ursprüngen eine richtiggehende Huldigung. Die Platters wurden die erfolgreichste Gesangsgruppe der fünfziger Jahre.

Dicht gefolgt waren die Platters, was ihren Verkaufserfolg anbelangt, von einer Gruppe, die ihre Karriere an der Westküste begonnen hatte (daher auch der Name). Die Coasters hatten als die Robins angefangen und gehörten zur Truppe des alterfahrenen Bandleaders und Showmanns Johnny Otis. 1955 nahmen die Robins die spektakulären Stücke “Riot inCell Block No. 9“ und “Smokey Joe's Cafe“ für Spark Records auf, eine Plattenfirma in Los Angeles, die Jerry Leiber und Mike Stoller gehörte, und die auch die Stücke geschrieben hatten. Diese beiden Platten hatten in der Gegend um Los Angeles soviel Erfolg, dass sich Atlantic Records dafür interessierte. Leiber und Stoller erhielten das Angebot, weiter solche Platten für die Niederlassung dieser Firma in Atco herzustellen. Dieser Vertragsabschluss stellt einen wichtigen Markstein für die Rock’n’Roll-Schallplattenindustrie dar, denn hiermit waren die Voraussetzungen für eine unabhängige Produktion geschaffen, eine Verfahrensweise, die sich für die meisten Rock-Aufnahmen durchgesetzt hat. Dieses Ereignis führt auch zur Entstehung der Coasters. Zwischen den Robins kam es offenbar zu Meinungsverschiedenheiten: ein Teil der Gruppe schloss sich Leiber und Stoller an, der Rest behielt den Namen und verschwand unter der Plattenmarke Whippet Records in der Versenkung.

Die erste Platte der Coasters “Down in Mexico“ verkaufte sich auf dem Rhythm&Blues-Markt im Frühling 1956 recht gut. Der richtige Rock’n’Roll-Erfolg der Gruppe begann jedoch mit den zusammen herausgebrachten Stücken “Searchin“ und “Young Blood“, die im April 57 aufs Publikum losgelassen wurden. Jeder Top 40-Sender in Amerika erstrahlte im Glanz der herrlichen Töne dieser beiden Plattenseiten. “Young Blood“ diente als Vorlage für eine ganze Reihe verschmitzter "playlets" (das Wort wurde von Mike Stoller geprägt) über das Leben und die Liebe von Teenagern, alle wurden von Leiber und Stoller geschrieben und produziert. “Charlie Brown“, “Yakety Yak“, “Along Comes Jones“ und “Idol with the Golden Head“ sind heute noch genauso unterhaltsam wie eh und je. Der Stil der Coasters hat keinen richtigen Vorläufer in der Hauptströmung des Doo Wop, doch die Platten der Coasters wurden so oft imitiert (besonders von den Olympic), dass sie einen großen Teil des Doo Wop-Vermächtnisses an die sechziger Jahre bestreiten.

Die Coasters und die Platters, die jede auf ihre Weise sich als die Stärksten erwiesen hatten, konnten ihren Erfolg in die sechziger Jahre hinüberretten. Der klassische Doo Wop verschwand allerdings immer mehr aus dem Äther. 1957 war der letzte Jahrgang. Als der klassische Doo Wop gerade zu Ende ging, hörten wir ironischerweise gerade das erste Mal von der zweiten Generation von Rock-Gruppen - weißer, schwarzer und gemischter Rock-Gruppen, die sich ihre Anregungen nicht von den Altmeistern wie Bill Kenny oder den großen Show-Männern wie Clyde McPhatter holten, sondern von den naiven Gassenhauerklängen solcher Platten wie “Earth Angel“ und “I Love You So“.

Neo-Doo Wop, wie diese Entwicklung gern genannt wird, hat einige der fürchterlichsten Platten hervorgebracht, die je gemacht wurden. Die Nostalgiewelle hat einigen dieser Platten jedoch einen Glanz verliehen, wie kein Produzent sich das je hätte träumen lassen:

“Oh Julie“ von den Crecendos, “You“ von den Aquatones, “Sorry (I Ran All the Way Home)“ von den Impalas und “You Cheated“ in zwei Konkurrenzversionen von den Original-Slades und nachfolgend von den Shields. Am erfolgreichsten waren die Fleetwoods, zwei Frauen und ein Mann, die die Cadillac-Tradition des Rock’n‘Roll durch dahinschmelzendes Säuseln von Titeln wie “Come Softly to Me“ und “Mr. Blue“ fortsetzten, mit Stimmen, so sanft wie der Nieselregen in ihrer Heimatstadt Olympia im Staat Washington.

1959 wies eine Platte aus Pittsburgh den Weg in die Zukunft. “Since I Don't Have You“ von den Skyliners war einer der ersten Hits, dem es gelang, die Aura des Ursprünglichen und Laienhaften einzufangen und gleichzeitig die Musik in ihrem Horizont durch eine ziemlich anspruchsvolle, raffinierte Harmonie und eine sorgfältige Instrumentenbesetzung zu erweitern, die zur Abwechslung mal den Sängern Unterstützung bot, anstatt sie zu bekämpfen. Phil Spector, der damals gerade seine ersten Produzenten-Schritte mit den Teddy Bears machte, hat über “Since I Don't Have You“ gesagt, dass es einen wesentlichen Einfluss als Inspiration auf ihn gehabt hat.

Die Flamingos, die seit Anfang der fünfziger Jahre in der Doo Wop-Scene unter ferner liefen dabei waren, schafften 1959 endlich den Durchbruch mit einer gleichermaßen abenteuerlichen Aufnahme des Standardstückes aus dem Jahr 1934 “I Only Have Eyes For You“ („do-vop-she-bop“).

Inzwischen hatte eine andere Vogelnamengruppe, die Falcons, ihren ersten Auftritt mit dem sehr viel mitreißenderen “You' re So Fine“. Zusammen mit anderen schwarzen Gruppen der Jahre 1959 und 60, wie den Impressions und den Miracles und Solosängern wie Sam Cooke machten die Falcons den Anfang mit einer Musik, die wir als "Soul" kennen - eine musikalische Ausdrucksform, die sich stark an den Rhythm- und -Gospel-Stil von Clyde McPhatter anlehnt, sich jedoch stark dadurch vom elementaren Doo Wop unterscheidet, dass sie überhaupt nichts mit den Ink Spots gemeinsam hat.

Nach einem ereignislosen 1960 (einem Jahr, in dem die meisten der Singles-Bestseller nur eine sehr entfernte Ähnlichkeit mit jeglicher Art von Rockmusik hatten), war 1961 für den Neo-Doo Wop ein Rekordjahr. In dem Jahr wurden nicht nur ungeheuer viele neuaufgelegte Oldies der fünfziger Jahre verkauft, sondern eine ganz neue Generation von Gruppen, die einige Anfangserfolge aufzuweisen hatten, hielten eisern am Neo-Doo Wop fest, wie zum Beispiel die Capris (“There's a Moon Out Tonight“, von dem es heißt, dass es eigentlich schon 1958 aufgenommen worden war), die Edsels (“Rama Lama Ding Dong“), die Regents (“Barbara-Ann“), die Marcels, die mit “Blue Moon“ auf # 1 in der Hitliste gelangten und natürlich Shep And The Limelites, die 1956 den 53. Platz mit “A Thousand Miles Away“ erreichten und denen es dann unter dem Namen Heartbeats mit dem Nachfolgestück “Daddy's Home“ 1961 gelang, auf den # 2 zu kommen.

In New York erreichte das Neo-Doo Wop-Phänomen mit der Acapella-Begeisterung das Nirwana. Gruppen junger Schwarzer, Weißer und Latinos aus ganz Gotham wetteiferten darum, die stilreinsten Doo Wop-Stücke zu produzieren, die man sich nur vorstellen kann, in denen sie sich alle total verausgabten, ohne auch nur ein einziges Musikinstrument als Begleitung zu verwenden. Der New Yorker Acapella-Sound (nicht zu verwechseln mit den Soul-Interpretationen der Percuasions, die später auch ohne Begleitinstrumente auskamen) war außerhalb New Yorks selten zu hören, doch diese Musik wurde durch Hunderte von kleinen Platten mit 45 Umdrehungen unsterblich, von denen heute einige fast ebensolche Preise erzielen wie die Originalplatten der fünfziger Jahre. Trotz solcher fanatischen Auswucherungen überstand Neo-Doo Wop die britische Invasion von 1964 nicht (wenn wir die Four Seasons einmal beiseite lassen, die zumindest eine Spur dieses Stils übernommen haben). Und wieder verschwanden die schmeichelnden Töne aus dem Äther, um in den Köpfen der Sammler, auf den Bankkonten der Händler mit ausgefallenen Platten und in den Herzen fast aller jener weiterzuleben, die das Glück (oder das Pech) hatten, zu dieser Zeit jung gewesen zu sein.

Gruß
Heino
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Re: Schwarzer Doo Wop

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Gepostet: 21.10.2018 - 11:31 Uhr  ·  #6
1969 benutzte der New Yorker Deejay Gus Gossert den Begriff 'Doo Wop'
zuerst als Beschreibung einer Musikgattung, die wahlweise Street Corner
Music, Rock'n'Roll oder Rhythm & Blues genannt worden war.

Der Begirff machte Sinn, da man künstlich schwarz und weiss trennte. 'Doo Wop'
umfasst dagegen alle Gruppen, egal ob schwarz oder weiss, da eine
Trennung völlig unsinnig ist.

Doo Wop im Deutschland der 50er und frühen 60er Jahre gab es ausnahmslos
gar nicht: lediglich von Schlagerinterpreten gab es Coverversionen US-amerikanischer
Doo Wop-Songs, die mal besser, mal schlechter gelangen. Ensembles wie die
Hansen Boys hatten eine andere musikalische Tradition und sind nicht vergleichbar.

Querverweis auf DJ Gossert in: Anthony J. Gribin, Matthew M. Schiff: The Complete
Book of Doo-Wop. Krause Publications, Iola/Wisconsin 2000
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Re: Schwarzer Doo Wop

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Gepostet: 21.10.2018 - 11:33 Uhr  ·  #7
Hallo,

ich kann es mir einfach nicht verkneifen, in diesem Forum Doo Wop in Germany ins Spiel zu bringen (Quelle: Bear Family Records):

Umgesetzt von populären Stars, aber auch von kaum bekannten, obskuren Außenseitern. Doch Doo Wop, jene faszinierende, mehrstimmige Vokalmusik vor allem schwarzer Künstler aus den USA, die vor mehr als 50 Jahren vor allem die Amerikaner begeisterte und nur als Import nach Deutschland schwappte - wie soll das gehen??
Es ging. Einmal mehr erwiesen sich die Verantwortlichen in den hiesigen Plattenfirmen als erfindungsreich. Was in den USA von Spitzenstars wie Dion & The Belmonts, den Drifters oder Crests überaus erfolgreich veröffentlicht wurde, reichte man an populäre deutsche Künstler weiter. Sie alle tragen bei zu einer CD, die erstmals die deutschen Doo Wop-Versuche aus den Endfünfziger- bzw. Frühsechziger Jahren zusammenfasst - und dabei Erfolgreiches neben längst Vergessenem präsentiert. Diese Versuche bereiteten - wenngleich sicher unbewusst - außerdem partiell den Boden für ein Doo Wop-Revival in Deutschland, als sich Formationen wie Kool Cat & The Tailfins und später die Crystalairs erneut an die Umsetzung dieser legendären Musik- bzw. Gesangsform machten. Frei nach dem Motto, das Mary Roos schon 1961 mit der Cover-Version eines Quotations-Songs vorgegeben hatte: Ich bin mu-mu-musikalisch....!

Gruß
Heino
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Re: Schwarzer Doo Wop

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Gepostet: 21.10.2018 - 11:42 Uhr  ·  #8
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