Dieser Sänger ist nur schwer in eine Schublade zu stecken. Einerseits wirkt er aufgrund seiner wohlklingenden Bass-Stimme und seiner äußeren Erscheinung geradezu prädestiniert für mit voller Stimme gesungene Seemannslieder (z.B. „Weit ist das Meer“), andererseits ist eines seiner bekanntesten Lieder („Der Mann, der vor mir war“) ein eher zurückgenommenes, chansonhaftes Kleinod. Darüber hinaus sang er immer wieder mal Spottlieder (z.B. „Die lange Lene“). Und dann gibt es noch die frivole Richtung in seinem Repertoire, Lieder mit eindeutig-zweideutigem Inhalt, von denen sicher „Das Wirtshaus an der Lahn“ das bekannteste Stück ist. Dabei ist es so, dass Höhne diese Spannweite im Grunde über viele Jahre hielt und sich nicht auf die eine oder andere Richtung festlegen lassen wollte. Dennoch dominierten in den späteren Jahren seiner Karriere in der allgemeinen Wahrnehmung doch seine „schlüpfrigen“ Lieder.
Wilhelm Höhne wurde am 24. Februar 1909 in Münnerstadt, einem Städtchen im nördlichsten Zipfel Bayerns, geboren. Über seine ersten Lebensjahrzehnte liegen mir keine gesicherten Angaben vor. Als Beruf des Vaters ist Schornsteinfegermeister oder auch Bauer angegeben. Nach dem Abitur hat Höhne zunächst eine Ausbildung in der chemischen Industrie absolviert. Das war zwar sehr im Sinne seiner Mutter - die Familie lebte in Würzburg -, aber der Sohn hatte ganz andere Vorstellungen. Heimlich nahm er Gesangsunterricht, die Abende verbrachte er oft im Theater (noch als Zuschauer). In München legt er eine Schauspielprüfung erfolgreich ab und hängte dann die kaufmännische Laufbahn an den Nagel. Nun wollte er ein solides Gesangsstudium absolvieren. Über einen Liederabend für das Winterhilfswerk erlangte er ein Stipendium der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt), das im das Studium (zunächst in Darmstadt) ermöglichte. In der freien Zeit zog es ihn immer wieder ans Theater, diesmal aber auf die Bühne. Er spielte verschiedene ganz kleine Rolle und tanzte sogar im Ballett mit. Das war für einen jungen Enthusiasten gut, brachte aber kein Geld ein, das Stipendium allein reichte jedoch auch nicht.
So sah sich der junge Sänger gezwungen, eine theaterferne, aber lohnendere Beschäftigung zu suchen. Die fand er bei einem älteren und offensichtlich begüterten Arzt, der zwar ein Auto besaß, aber offensichtlich nicht nicht die Fähigkeit - vielleicht auch nicht die Muse - hatte, dieses auch zu fahren. So wurde Wilhelm Höhne Chauffeur bei dem alten Herrn - aber auch gleichzeitig „Mädchen für alles". Er war Vorleser, studierte für ihn die Börsenkurse und fuhr täglich spazieren. Eine Beinaheunfall beendete dann aber diese Tätigkeit.
Etwas später verdiente sich der umtriebige Höhne dann sein Geld als Schwimmlehrer am Tegernsee. Das damit verbundene frühe Aufstehen und das kalte Wasser, in das er immer musste, wenn er Schwimmunterricht gab, waren aber überhaupt nicht sein Fall.
Es zog in dann nach Berlin, wo er aber ein Engagement als erster Bassist in Rudolfstadt (Thüringen) ergattern konnte. Wieder zurück in Berlin kam es zu ersten Rundfunkauftritten. Außerdem sang er auch im Film - ob auch als Darsteller oder nur „Stimmenverleiher" ist mir nicht bekannt. Danach sang er als Bassist Opernpartien am Klagenfurter Grenzlandtheater. Das muss spätestens 1940 gewesen sein. „Einige Jahre in der Provinz sind die beste Basis für künftige Aufgaben an großen Bühnen", sagte er damals.
Doch dann verlief seine Karriere doch in eine andere Richtung. Er blieb nicht bei der Oper. 1940 wurde er von Willi Schaeffers an dessen berühmtes „Kabarett der Komiker“ in Berlin engagiert. Über sein dortiges Programm habe ich keine Informationen. Jedenfalls hatte er daneben noch andere Auftritte, bei denen er sich selbst an der GItarre begleitete. Bei diesen Auftritten gehörten z.B. Lieder von Hermann Löns zu seinem Programm.
Anfang 1941 wurde Höhne dann mit anderen Künstlern des „Tobis-Starkastens" mit einem kabarettistischen Programm im Rahmen der Front-Tournee eingesetzt. Danach habe ich keine Informationen mehr über seine weiteren Tätigkeiten bis Kriegsende. Ob es bei den Auftritten der Truppenbetreuung blieb, oder ob er dann später auch selbst eingezogen wurde, ist mir nicht bekannt.
Seine gesangliche Karriere setzte er dann nach dem Krieg fort. Es ist wohl wahrscheinlich, dass Höhne in dieser Zeit seinen Bühnennamen von „Wilhelm Höhne" zu „Will Höhne" verkürzte. Schon kurz nach Kriegsende arbeitete er bereits wieder im „Kabarett der Komiker“. Schnell bekam er auch Verbindung zu den verschiedenen Rundfunkanstalten, wo er zahlreiche Aufnahmen machte. Und auch Schallplattenaufnahmen ließen nicht lange auf sich warten.
Aber schon mit ganz frühen Aufnahmen (z.B. „Die heikliche Geschicht“) zeigte sich Höhnes „Talent“, auch öfter mal anzuecken, wenn seine Lieder nicht der zeitgemäßen „political correctness“ entsprachen – oder besser gesagt: der moralischen Korrektheit. Das führte zu der einen oder anderen Sperre im Rundfunk. Andererseits schuf sich Will Höhne mit genau diesem, manchmal etwas abseitigen Repertoire seine kleine Nische. Riesenhits blieben zwar aus, aber er machte sich bekannt.
1949 bekam Will Höhne eine große Chance. Im Hamburger Theater am Besenbinderhof spielte er in der Uraufführung der musikalischen Seemannskomödie „Käpt’n Bay Bay“ die Titelrolle. Damit verbunden war auch die Möglichkeit einige sehr publikumswirksame Nummern aus der Feder von Norbert Schultze (Musik) und Fritz Grasshoff (Text) zu singen. Das bekannteste Stück war natürlich „Nimm uns mit, Kapitän, auf die Reise“. Höhne landete als Käpt’n Bay Bay einen großen Erfolg, aber als dann 1953 das Bühnenstück verfilmt wurde, da setzten die Produzenten dann doch auf die Hamburger Ikone schlechthin, natürlich Hans Albers.
In der Programmzeitschrift „Die Sürag“ (aus der dann 1953 die „Bild und Funk“ wurde) stand in Ausgabe 44/1952 einerseits, dass Will Höhne zu den erfolgreichsten Vortragskünstlern der deutschen Rundfunkhäuser gehört. Andererseits wurde aber auch erwähnt, dass es ein bisschen still um ihn geworden sei.
Immerhin war er aber 1954 doch noch prominent genug, um bei einer Werbekampagne für Durascharf-Rasierklingen eingesetzt zu werden. In der Neuen Illustrierte Nr. 46/1954 gibt es jedenfalls eine entsprechende Anzeige mit Höhnes Konterfei. Darauf ist er aber - ohne den markanten Kinnbart der späteren Jahre - nicht sofort zu erkennen. Sein Gesicht wirkt ausgesprochen rundlich und es fehlt der charakteristische Kinnbart.
Ebenfalls in das Jahr 1954 fiel sein Filmauftritt in der großen Michael-Jary-Revue „Große Starparade“, bei der eine Vielzahl damals bekannter Sänger kurze Auftritte hatten. Höhnes Auftritt neben Liselotte Malkowsky war zwar prägnant, danach ist es (meines Wissens) zu keinen weiteren Filmauftritten mehr gekommen.
1955 kam dann bei Polydor jene Platte heraus, die das Markenzeichen für Will Höhnes „schlüpfriges Repertoire“ werden sollte: „Das Wirtshaus an der Lahn“. Das Lied basiert auf einem wirklichen Volkslied, zu dem aber immer neue Strophen gedichtet wurden. Im Internet kann man eine Auswahl von diversen Neutextungen einsehen – diese weisen naturgemäß eine Bandbreite auf von ganz originell bis ausgesprochen dämlich. Nun, jedenfalls Will Höhnes verschiedene Aufnahmen über die Jahre hinweg konnten sich hören lassen.
Gegen Ende 1956 / Anfang 1957 zog Will Höhne mit seiner Familie nach Düsseldorf in die Lindemannstraße 92. Familie - das waren seine Frau Eva, eine damals 17jährige Tochter und ein erst kurz vorher geborener Sohn (Christopher).
Sehr lange kann das Düsseldorfer Intermezzo aber nicht gedauert haben. Denn zumindest 1960 betrieb Höhne in Gravenbruch (heute ein Stadtteil von Neu-Isenburg) unmittelbar bei Frankfurt den „Pferdestall“. Doch das war kein Gestüt sondern ein Lokal mit Live-Musik. Natürlich trat der Hausherr dort selbst mit seinem Repertoire auf, doch es gelang ihm auch, prominente Kollegen für Auftritte zu gewinnen. Unter anderem traten Evelyn Künneke und Rosita Serrano im „Pferdestall“ auf.
Wie lange Höhne den „Pferdestall“ betrieb, kann ich nicht sagen, aber er war danach noch viele Jahre als Gastwirt in München tätig. Über musikalische Aktivitäten nach den sechziger Jahren ist mir nichts bekannt, jedenfalls bildete sein Auftritt 1980 in der von Lou van Burg moderierten ZDF-Evergreen-Gala „So wird’s nie wieder sein“ eine absolute Ausnahme.
Will Höhne starb nach langer schwerer Krankheit am 9. Dezember 1992 in München, wo ihn seine Frau Eva bis zu seinem Tod pflegte.
(Schiemenz)