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Aldon Music hatte zwar zahlreiche Komponisten-Teams engagiert, doch alle ihre Stücke waren von gleichbleibender Qualität, und aus allen war der "Brill Building-Sound" herauszuhören. Mit dieser Bezeichnung wurden später auch noch andere New Yorker Komponisten in Verbindung gebracht, die den Aldon-Standard erreichten, zum Beispiel Jeff Barry und Ellie Greenwich, Doc Pomus und Mort Shuman sowie Bert Berns. Allen diesen Komponisten war eines gemeinsam: Sie konnten sich in die Teenager hineinversetzen, in ihre Werte, ihre Interessen, ihre emotionalen Bedürfnisse und in ihren Slang. Von anderen Rock-Komponisten unterschieden sie sich sowohl darin, dass sie Profis waren, als auch darin, dass sie der Tin-Pan Alley-Tradition des Komponierens von Popmusik, die in den dreißiger Jahren von Cole Porter, George und Ira Gershwin und Rogers und Hart begründet worden war, ihren Respekt erwiesen.
(* 08. November 1929 in New York; + 30. Dezember 1967 ebenda; eigentlich Bertrand Russell Berns) war ein US-amerikanischer Musikproduzent und Komponist, der in den 1960er Jahren erfolgreich im Genre des Rhythm & Blues und Pop tätig war.
Als Kind russisch-jüdischer Emigranten wuchs Berns in New Yorks Bronx auf und studierte klassische Klaviermusik. Im Jahre 1950 gründete er zusammen mit seinem Freund Sid Bernstein das Plattenlabel Magic Records, mit dessen Logo einige Platten ohne besondere Öffentlichkeitswirkung erschienen. Darunter befand sich auch Berts erste Komposition “M & X“ (für ham and eggs, “Schinken und Eier“ als Frühstücksoption), gesungen von Bob Manning und Eydie Gormé.
Anfang 1958 mietete er Büros am 1650 Broadway, direkt gegenüber vom berühmten Brill Building; in beiden Gebäuden waren Komponisten und Musikverlage untergebracht. Nach einigen Fehlversuchen, weitere Kompositionen direkt an Interpreten zu vermitteln, wurde er 1960 vom Musikverlag Robert Mellin Music angestellt. Hier entstand für den mit Sam Cooke zum Verwechseln ähnlichen Tenor Hoagie Lands “I’m Gonna Cry Some Tears“/“Lighted Windows“ (Judi #054; 1960), “My Tears Are Dry“/“It's Gonna Be Morning“ (MGM #13041; 1961) oder “Baby Come On Home“/“Baby Let Me Hold Your Hand“ (Atlantic #2217; 1964), die die Hitparade jedoch nicht erreichten. Aus der Zusammenarbeit mit Phil Medley (vom Gesangsduo Righteous Brothers) wurde dann das karibisch anmutende “Push Push“ für den unbekannten Austin Taylor produziert, erschienen im November 1960, das nur auf # 90 der Pop-Charts gelangte. Diesen lateinamerikanischen Sound und Rhythmus wird Berns als Grundlage seiner späteren Hits beibehalten.
1960 Pop 90 Austin Taylor Push Push Laurie 3067 Phil Medley, Bert Russell 14.11.1960 14.11.1960
Ein Klassiker entsteht
Am 23. Februar 1961 kam es zu einer denkwürdigen Aufnahmesession, die von dem noch unbekannten Phil Spector geleitet wurde. Die ebenso unbekannten Top Notes nahmen an jenem Tag “Twist and Shout“ aus der Feder von Berns und Bill Medley auf, das auf Atlantic #2115 erst im September 1961 ohne Hitparadenresonanz veröffentlicht wurde. Der Autor Berns war in der Session anwesend und musste mit ansehen, wie Spector den Song ruinierte: „Leute, ihr habt mein Stück kaputt gemacht!“ Berns revanchierte sich später mit Hilfe der Isley Brothers, die mit ihrer am 16. Juni 1962 veröffentlichten Cover-Version eine # 2-Platzierung in den Rhythm & Blues-Charts und # 17 der Pop-Hitparade erreichten und mit dem ersten Millionenseller für Berns die Vorlage für eine große Anzahl von weiteren Versionen bereiteten.
1962 Pop 17 Isley Brothers, The Twist And Shout Wand 124 Phil Medley, Bert Russell (Bert Berns) 02.06.1962 11.08.1962
Dieser Durchbruch wurde schließlich mit den Jarmels zementiert, für die er “A Little Bit of Soap“ komponierte und produzierte. Das im Mambo-Rhythmus gehaltene Stück erschien im Juli 1961, erreichte # 12 der Pop-Hitparade (# 7 der R&B-Charts) und war das Markenzeichen für den von Berns künftig präferierten Musikstil.
1961 Pop 12 Jarmels, The A Little Bit Of Soap Laurie 3098 Bert Russell (Bert Berns) 31.07.1961 18.09.1961
Weitere Cover-Versionen folgten:
1965 Pop 95 Garnet Mimms A Little Bit Of Soap United Artists 796 Bert Russell (Bert Berns) 02.01.1965 02.01.1965
1966 Pop 58 Exciters, The A Little Bit Of Soap Bang 515 Bert Russell (Bert Berns) 29.01.1966 26.02.1966
1970 Pop 52 Paul Davis A Little Bit Of Soap Bang 576 Bert Russell (Bert Berns) 18.04.1970 11.07.1970
Produzent bei Atlantic Records
Ende 1961 wurde der Chef-Produzent von Atlantic Records, Jerry Wexler, auf den aufstrebenden Berns aufmerksam. Berns erhielt den Auftrag, mit Solomon Burke zusammenzuarbeiten. Dieser R&B-Interpret hatte gerade bei Atlantic begonnen und konnte dort erst einen mittleren Hit vorweisen, als Berns seine Arbeit begann. Unter der Regie von Berns entstanden am 06. Dezember 1961 drei Songs, darunter das von Berns auch komponierte “Cry to Me“, das mit einem # 5 der R&B-Charts zur bislang zweitbesten Platzierung für Berns avancierte. In der nächsten Aufnahmesession am 4. April 1962 entstanden unter anderem “Down in the Valley“/“I'm Hanging Up My Heart for You“, mit deutlichem Country-Sound unterlegt. Vorläufig beste Platzierung schaffte das am 15. März 1963 aufgenommene “If You Need Me“, das # 2 der R&B-Charts erreichte. Unter der Regie von Berns entstanden noch “Everybody Needs Somebody to Love“ (aufgenommen am 28. Mai 1964) oder “The Price“ (letzte Aufnahmesession mit Berns am 28. August 1964). Chefproduzent Wexler lobte die intensive, bis 1964 andauernde Studioarbeit von Berns für Solomon Burke: „Mit der gefühlvollen Orchestration und der kreativen Intensität hielt Burke Atlantic Records praktisch am Leben“.
Im Jahr 1963 vermittelte Berns der R&B-Formation Garnett Mimms & the Enchanters einen Plattenvertrag bei United Artists Records. Mimms übernahm im September 1963 das von Berns und Norman Meade komponierte “Cry Baby“ und führte den Prototyp einer Soulballade an die Spitze der R&B-Charts; gleichzeitig gelang erstmals für Berns ein guter cross over-Erfolg mit einem # 4-Pophit. Mimms übernahm eine ganze Reihe von Berns-Kompositionen, so etwa “One Girl“ (Mai 1964), “Look Away“ (Oktober 1964), “A Little Bit Of Soap“ (1965) oder “I'll Take Good Care of You“ (April 1966), konnte jedoch nicht mehr die erste Spitzenposition wiederholen.
Berns übernimmt die Drifters und Ben E. King
Als die führenden Komponisten und Produzenten Jerry Leiber und Mike Stoller nach überaus erfolgreicher Zusammenarbeit mit den Drifters ihr Interesse an dieser R&B-Formation verloren, war Bert Berns als Nachfolger vorgesehen. Erster Aufnahmetermin der Drifters mit ihrem neuen Produzenten Berns war für den 12. Dezember 1963 anberaumt, als “One Way Love“/“Didn't It“ entstand. Wurde hiervon hitparadenmäßig noch keine Notiz genommen, so besserte sich dies mit der am 21. Mai 1964 aufgenommenen Single “Under the Boardwalk“/“I Don’t Want to Go On Without You“. Die im Juni 1964 veröffentlichte Platte erreichte # 4 der R&B-Charts. Hier sang übrigens im Chor eine gewisse Dionne Warwick mit, die die Drifters bereits seit dem 22. Januar 1963 bei Aufnahmen begleitete. Eine bessere Platzierung gelang Berns mit den Drifters danach nicht mehr. Berns begleitete die Drifters noch bis zur Session am 12. Oktober 1966, in der “Baby What I Mean“ entstand. Seither hatte die Gruppe einige personelle Konstellationen überstanden, die jedoch ebenso wenig den einstigen Erfolg zurückholen konnten.
Ein ehemaliger Leadsänger der Drifters war Ben E. King, für den Berns ab dem 15. Januar 1964 zuständig war. Aber auch dieser hatte seinen musikalischen Erfolgszenit bereits überschritten. Weder die in dieser ersten Session aufgenommenen “That's When It Hurts“/“Around the Corner“ noch die weiteren 16 bis 3. Februar 1966 eingespielten Stücke konnten in die Top 10 der R&B-Charts vordringen.
Einzelerfolge
Mehr Erfolg war Berns mit einigen Interpreten beschieden, für die er in der Zwischenzeit einzelne Titel komponierte oder produzierte. Seine Komposition “Tell Her“ war in der Original-Fassung von Gil Hamilton im März 1962 noch unbeachtet geblieben, entwickelte sich als “Tell Him“ für das Mädchenquartett Exciters im Dezember 1962 produziert von Leiber/Stoller zum großen Hit (# 4 Pop).
“Tell Her“ “Tell Him“ Gil Hamilton The Exciters
(1963)
1963 Pop 4 Exciters, The Tell Him United Artists 544 Bert Russell (Bert Berns) 01.12.1962 19.01.1963
Die Rocky Fellers übernahmen im März 1963 sein “Killer Joe“ (# 16 Pop).
1963 Pop 16 Rocky Fellers, The Killer Joe Scepter 1246 Bert Russell (Bert Berns), Bob Elgin, Phil Medley 23.03.1963 18.05.1963
Für die Isley Brothers produzierte er ab Juni 1962 bei Wand Records 10 Aufnahmen, ab Juni 1963 bei United Artists insgesamt 7 Aufnahmen. Für Lou Christie war am 08. Januar 1964 eine Session anberaumt, in der Berns die Songs “Outside the Gates of Heaven“ und “You May Be Holding My Baby“ (letzteres mitkomponiert von Berns) produzierte.
Berns reiste dann dreimal nach London, um dort für Decca Records tätig zu werden. Beim zweiten Trip im Oktober 1964 komponierte er für die britische Rocksängerin Lulu “Here Comes the Night“ (# 50 UK), das er dann noch einmal mit der irischen Gruppe Them produzierte. Deren Version kam im März 1965 in die britische Hitparade und drang bis auf # 2 vor. Für Them produzierte er auch “Gloria“ und “Baby Please Don’t Go“. Deren ehemaliger Leadsänger Van Morrison ließ sich ab 1967 insgesamt 14 Songs von Berns in New York produzieren, darunter der im Juli 1967 erschienene Single-Hit “Brown Eyed Girl“, allesamt erschienen auf Bang Records.
1967 Pop 10 Van Morrison Brown Eyed Girl Bang 545 Van Morrison 15.07.1967 30.09.1967
Für Esther Phillips' produzierte Berns 1964 “Hello Walls“, Barbara Lewis ließ sich von ihm im Jahr 1965 “Baby I'm Yours“ und “Make Me Your Baby“ produzieren. Die Strangeloves übernahmen im Mai 1965 seine Komposition “I Want Candy“,
1965 Pop 11 Strangeloves, The I Want Candy Bang 501 Bob Feldman, Jerry Goldstein, Richard Gottehrer, Bert Berns 26.06.1965 14.08.1965
für Tammi Lynn produzierte und komponierte er das temporeiche “I'm Gonna Run Away from You“ im April 1965, die gleichen Leistungen erbrachte er für Erma Franklin (die Schwester von Aretha Franklin) mit “Piece of My Heart“ im Oktober 1967 (# 10 R&B), während Edwin Starr die Berns-Komposition “25 Miles“ im Februar 1969 übernahm (die beiden letzteren jeweils # 6 R&B und Pop; BMI-Award).
1969 Pop 6 Edwin Starr Twenty-Five Miles Gordy 7083 Edwin Starr (Charles Hatcher), Johnny Bristol, Harvey Fuqua 15.02.1969 26.04.1969
Cover-Versionen
Meistgecoverter Song ist zweifellos “Twist and Shout“, durch die Isley Brothers popularisiert. BMI zählt hiervon 30 Versionen, wovon am erfolgreichsten die Fassungen der Beatles (LP “Please Please Me“ vom März 1963) und von Brian Poole and the Tremeloes (Juli 1963, # 4 UK) gewesen sind. Them coverte im März 1965 erfolgreich “Here Comes the Night“ (# 2 UK). Neben “Twist and Shout“ übernahmen die Kingsmen 1966 auch “Killer Joe“. Janis Joplin präsentierte erfolgreich auf dem Woodstock-Festival am 17. August 1969 ihre Version von “Piece of My Heart“.
Eigene Plattenlabels
Im März 1964 gründete Bert Berns das kurzlebige Label Keetch Records, das nach nur wenigen Platten wieder eingestellt wurde. Im April 1965 rief Berns mit Bang! Records ein etwas langlebigeres Label ins Leben. Um die Firma finanziell breiter aufzustellen, halfen ihm die Inhaber von Atlantic Records Ahmet Ertegun, Nesuhi Ertegun und Jerry Wexler bei der Gründung. Bereits die erste Veröffentlichung im Mai 1965 (Bang #501) mit den Strangeloves, “I Want Candy“, mitkomponiert von Berns, erreichte auf Anhieb # 11 der Pop-Hitparade. Weitere fünf Platten später erschien der Superhit des Labels, die McCoys mit “Hang On Sloopy“, der # 1 der Charts erreichte und über eine Million Mal verkauft wurde. Die Erst-Ausgabe der Vibrations hatte schon im vorjahr auf # 26 gezündet.
1964 Pop 26 Vibrations, The My Girl Sloopy Atlantic 45-2221 Bert Russell (Bert Berns), Wes Farrell 28.03.1964 16.05.1964
1965 Pop 1 McCoys, The Hang On Sloopy Bang 506 Bert Russell (Bert Berns), Wes Farrell 14.08.1965 02.10.1965
Weitere Cover-Versionen:
1970 Pop 93 Lettermen, The Hang On Sloopy Capitol 2774 Bert Russell (Bert Berns), Wes Farrell 04.04.1970 04.04.1970
1975 Pop 94 Rick Derringer Hang On Sloopy Blue Sky 2755 Bert Russell (Bert Berns), Wes Farrell 05.04.1975 19.04.1975
Im Mai 1966 veröffentlichte hier Neil Diamond mit “Solitary Man“/“The Time Is Now“ seine erste Single (Bang #578).
Als Tochterlabel von Bang wurde Shout Records ins Leben gerufen, auf dem reiner Rhythm & Blues veröffentlicht wurde. Freddie Scott war mit der Berns-Komposition und -Produktion “Are You Lonely for Me“ im Dezember 1966 am erfolgreichsten, denn dieser Hit erreichte am 11. Februar 1967 die Top-Position der R&B-Hitparade. Scott war, von Erma Franklin und wenigen anderen Interpreten abgesehen, der Hauptkünstler des Labels. Berns erlebte diesen Erfolg von Freddie Scott nicht mehr mit, denn er starb unerwartet am 30. Dezember 1967 in New York an Herzversagen.
Statistik
Der Produzent Berns erlaubte seinen Interpreten, nahe bei ihren natürlichen Möglichkeiten zu bleiben, und einige seiner Kompositionen inspirierten Interpreten sogar, ihre normalen Ausdrucksmöglichkeiten zu überschreiten. Für Berns sind bei BMI insgesamt 232 Kompositionen registriert, davon erhielten 6 Titel einen BMI-Award.
Der Rolling Stone listete Berns 2015 auf # 64 der 100 besten Songwriter aller Zeiten.
Gruß
Heino