Hallo,
booklet für die # 13 übersetzt:
Die Musik der Treniers auf Tonträger zu bannen, ist ein wenig so, als würde man einen Stepptänzer oder Zauberer aufnehmen – unweigerlich geht dabei etwas verloren. Vor allem waren die Treniers ein visuelles Spektakel, wie geschaffen für die vorderen Reihen eines Theaters oder Konzertsaals mit einer riesigen Bühne. Gäbe es Gerechtigkeit im Kosmos, wären die Treniers erst 30 Jahre später aufgetaucht, denn Musikvideos wären ihr ideales Medium gewesen. Über zwei Jahrzehnte hinweg tourte diese Truppe aus exzentrischen Familienmitgliedern durchs Land und trat in großen Häusern von Philadelphia über Las Vegas bis Los Angeles auf. Sie lieferten den heißesten Hard Rock und Rhythm & Blues, den ihr verblüfftes Publikum je erlebt hatte – und das lange bevor irgendjemand diesen Stil “Rock & Roll“ nannte.
Den Kern der Treniers bildeten die eineiigen Zwillinge Claude und Clifford, geboren am 14. Juli 1919 in Mobile/Alabama. Während ihres Studiums am Alabama State College im Jahr 1939 sangen sie in ihrer eigenen Band, die aus Kommilitonen bestand, darunter Gene Gilbeaux am Klavier und das Altsaxophon-Genie Don Hill.
Ihr älterer Bruder Buddy hatte seine Karriere bereits mit Auftritten in Bars in Mobile begonnen. Nachdem sie das College 1941 verlassen hatten (Claude behauptet gern, sie seien rausgeworfen worden), nahmen sie ihre Band mit und spielten Konzerte in Montgomery und Mobile.
Ende 1943 ergatterte Claude einen guten Posten als Sänger im großartigen Orchester von Jimmie Lunceford; er ersetzte den sanftmütigen Dan Grissom und teilte sich die Gesangsparts mit dem Saxophonisten Joe Thomas, dem Star der Formation. Claude nahm im Februar 1944 bei einer Decca-Session mit Lunceford einen Titel auf, doch seine Version von “Once Too Often“ wurde nie veröffentlicht. Mehr Glück hatte er mit zwei Aufnahmen vom Dezember 1944: Sowohl “I’m Gonna See My Baby“ als auch “That Someone Must Be You“ erschienen auf der Decca-Platte 18655.
Zwei Monate später holte Lunceford auch den anderen Zwilling in die Band, und Cliff und Claude sangen erstmals gemeinsam auf Platte – bei dem Titel “Bun-Buzz-Buzz (Will You Be My Honey)“, der allerdings erst 1949 bei Coral unter dem Namen Trenier Twins veröffentlicht wurde.
Don Hill hatte unterdessen ein Engagement bei Tiny Bradshaws Orchester ergattert und nahm für das Label Regis/Manor in New Jersey einige Titel auf.
Bis 1945 hatten die beiden Luncefords Band verlassen. Cliff kehrte nach Mobile zurück, während Claude in Los Angeles blieb und dort Aufnahmen mit Barney Bigard und Charlie Mingus machte. Als seine zweiseitige Platte “Young Man's Blues“ (mit Bigard, ursprünglich bei Lamplighter erschienen) 1949 bei Crystalette neu herausgebracht wurde, merkte der Rezensent des ‘Billboard‘ an: „Trenier singt sauber und unaufgeregt, während eine versierte kleine Gruppe – mit Eddie Beal am Keyboard – eine tiefgründige Blues-Stimmung erzeugt.“ Das war zwar kaum der Stoff, aus dem musikalische Revolutionen gemacht sind, doch ein Wandel lag in der Luft.
Die Nachtclubs von Los Angeles boten Claude reichlich Arbeit, auch wenn das Geld nicht mehr so locker saß wie während der Kriegsjahre. Ende 1946 hatte er ein langfristiges Engagement im Melody Club ergattert, doch die Nachkriegsrezession ließ die Auftrittsmöglichkeiten in Los Angeles schwinden.
Das Tourneegeschäft war nun der richtige Weg, und alles, was er dafür brauchte, war eine Band. Anfang 1947 stießen Cliff sowie die alten Weggefährten Don Hill und Gene Gilbeaux in Los Angeles zu Claude; dies sollte der Startpunkt für eine landesweite Tournee sein. Unter dem Namen The Treniers With Gene Gilbeaux machten sie sich auf den Weg in den Osten, wo sie auf einen Einfall stießen, der ihnen zahlreiche Fans einbrachte.
„Wir sangen gleich und sahen uns zum Verwechseln ähnlich“, erinnerte sich Claude, „also hatten wir eine Idee, die wir im Apollo Theater in New York ausprobieren wollten. Einer von uns begann das Lied zu singen und verließ die Bühne auf der einen Seite. Der Scheinwerfer schwenkte sofort auf die andere Seite, wo der andere Bruder herauskam und das Lied fortsetzte. Das brachte die Show jedes Mal zum Stillstand – das Publikum war völlig verblüfft. Die Leute wussten nicht, wie wir das machten. Von da an traten wir immer als die Trenier Twins auf.“
Die Mischung aus Akrobatik und musikalischem Klamauk, mit der die Treniers auftraten, erregte die Aufmerksamkeit von Berle Adams, dem Manager von Louis Jordan – damals der angesagteste schwarze Künstler der Branche. Adams hatte hart daran gearbeitet, Jordan zum Star zu machen, und das mit großem Erfolg. Vom einfachen Büroboten bei GAC – Tommy Rockwells riesiger Künstleragentur in Chicago – hatte er sich zu einem der führenden Talentmanager des Landes hochgearbeitet. Im August 1945 gründete er gemeinsam mit Irving Green, dem Besitzer eines Presswerks, die Mercury Radio And Television Corporation. Adams fungierte zunächst als Präsident und später als Vorstandsvorsitzender der Mercury Record Corporation.
1947 holte Berle Adams die Treniers zu Mercury; während ihrer einjährigen Zusammenarbeit mit der Firma erschienen fünf Platten in der R&B-Reihe. Obwohl die Gruppe das Publikum bei Live-Auftritten weiterhin begeisterte, zeigte sich bereits das Problem, diese Energie auf Schallplatten zu übertragen. Ein Rezensent des ‘Billboard‘ konnte im April 1948 kaum ein Gähnen unterdrücken, als er den Song “Ain't She Mean“ als „gewöhnliche Darbietung von gewöhnlichem Novelty-Material“ abtat. Und bei der Besprechung von “It's A Quiet Town In Crossbone County“ bemängelte er, dass „trotz cleverer Texte nur wenig passiert“. Das Problem war schlicht, dass sich die Akrobatik, die Football-Formationen, die Grimassen und die visuellen Gags der Trenier-Bühnenshow nicht auf die Schallplatte übertragen ließen.
Doch Berle Adams betrachtete Plattenverkäufe ohnehin nur als Werbemittel; Jahre später erklärte er: „Ich sah Schallplatten damals eher als Instrument zur Vermarktung – um ein Publikum für Live-Auftritte aufzubauen und unsere Gagen zu steigern –, nicht als reine Einnahmequelle.“
Während ihrer Zeit bei Mercury nahmen die Treniers eine Reihe guter Titel auf, auch wenn keines der Stücke innovativ oder eigenwillig genug war, um die Aufmerksamkeit und das Geld der kaufkräftigen Musikfans zu gewinnen. “No Baby, No“ war ein geradliniger, im mittleren Tempo gehaltener Gesangstitel der Zwillinge im damals populären Bebop-Stil; die Treniers sangen dabei in engem Harmoniegesang, während Don Hill auf seinem Altsaxophon improvisierte.
“Oh, Looka There Ain't She Pretty“ war 1936 von Carmen Lombardo eingeführt worden, erlebte aber Ende 1947 ein kurzes Revival durch Pop-Hits von Buddy Greco und den Charioteers. Die Mercury-Version der Treniers war eher zurückhaltend, wenngleich man sich leicht vorstellen kann, wie lebhaft und schwungvoll der Song auf der Bühne mit Jive-Einlagen präsentiert wurde.
Bei “I'll Follow You“ zeigte Claude, warum er bisweilen als "Sepia Sinatra" bezeichnet wurde, und interpretierte diesen alten Standard – der erstmals 1932 von Paul Whiteman mit dem Sänger Red McKenzie aufgenommen worden war – mit sanfter, einschmeichelnder Stimme.
“Near To Me“ war ein sehnsuchtsvolles Liebeslied ganz im Stil der Tin Pan Alley, während Cliff bei dem pfiffigen und originellen Song “But I'd Rather“ den Kontrapunkt in der „Mädchenstimme“ beisteuerte – eine Darbietung, die stark an ähnliche, zeitgenössische Titel von Louis Jordan und den exzentrischen Three Flames erinnerte.
Zurück zum Close Harmony-Gesang mit “Hey Boy, You'd Better Get Yourself An Extra“ – einer hinlänglich bekannten Botschaft, akzentuiert durch Gene Gilbeauxs virtuoses Klavierspiel. “I Miss You So“ wurde 1939 von Jimmie Henderson, dem Leadsänger der Cats & The Fiddle, geschrieben und war 1940 ein Riesenerfolg für die Gruppe; Claude orientierte sich bei seiner Mercury-Aufnahme wiederum sehr eng am Original.
“Sometimes I'm Happy“ stammte ursprünglich aus dem Broadway-Musical “Hit The Deck“ (1927), wurde 1935 von Benny Goodman als Swing-Nummer neu aufgegriffen und entwickelte sich Mitte der 1940 er Jahre zu einem beliebten Stück im Repertoire der Bebop-Musiker. Die Twins brachten eine Prise Humor ein – wenn auch nur eine kleine.
“It's A Quiet Town“ stammte aus der Feder von S. K. „Bob“ Russell, der viel später auch Musik für den Rock'n'Roll-Film “The Girl Can't Help It“ beisteuerte. Die Treniers präsentierten den Song im Stil des “Park Avenue Hillbilly“ – einer humoristischen Masche, die auch als "Cornball" (alberner Klamauk) bezeichnet wurde und durch Judy Canova (im Film) sowie Dorothy Shay (auf Schallplatten) populär geworden war. Die Gruppe interpretierte das Stück als reinen Spaßsong ("Novelty Tune"), aufgelockert durch großartigen Gesang der Twins und exzellente Saxofon-Einlagen.
“My Convertible Cadillac“ orientierte sich stilistisch erneut an Louis Jordan – was kaum verwundert, war Jordan doch der angesagteste schwarze Künstler der 1940 er Jahre.
Bei “Hey Sister Lucy“ konnte Cliff wieder seine „Mädchenstimme“ zum Einsatz bringen; der Song war durch Henry "Butch" Stone bekannt geworden, als dieser das Orchester im Billy Berg's in Los Angeles leitete – einem Club, in dem auch die Treniers auftraten.
Insgesamt offenbart das Spektrum der Mercury-Aufnahmen der Treniers – eine Mischung aus alten Standards, Jive-Nummern und humoristischen Spaßliedern – die Musiker und ihre Band als äußerst vielseitige und routinierte Entertainer.
Auf ihren Tourneen quer durch die USA legten die Trenier Twins Anfang Januar 1948 einen Zwischenstopp in Hollywood ein, um den Song “Sure Had A Wonderful Time“ für die “Jubilee“-Reihe der Armed Forces Radio Service (AFRS) aufzunehmen, die für ihre großartigen Live-Übertragungen bekannt war.
Im April nahmen sie – diesmal gemeinsam mit Gene Gilbeaux und den übrigen Bandmitgliedern – die Titel “No, Baby No“ und “Ooh Looka There, Ain't She Pretty“ für die “Jubilee“-Sendung Nummer 280 auf.
Obwohl die Verkaufszahlen der Treniers-Platten bei Mercury noch immer unbedeutend waren, wuchs die Popularität der Gruppe enorm. Adams hatte bei Louis Jordan dieselben Werbetricks angewandt, doch Jordans Platten für Decca verkauften sich millionenfach. Unglücklicherweise für die Treniers gab Adams seine verschiedenen Positionen bei Mercury aus gesundheitlichen Gründen auf und zog nach Los Angeles. Obwohl er sie weiterhin vertrat, verloren sie ihren Vertrag mit Mercury.
Auch auf der Bühne lief nicht alles rund. Während sie im New Yorker Paramount vier Shows am Tag absolvierten, sah sich ein Kritiker ihren Auftritt an: „Dann kamen die Trenier Twins auf die Bühne – zwei Jungs, die man zuletzt im ‚Bop City‘ gesehen hatte und die ihre Darbietung inzwischen deutlich zurückgenommen hatten. Sie sind nach wie vor eine turbulente Truppe, die voller Energie herumspringt und Songs wie “Hucklebuck“ und “Good Rockin' Tonight“ präsentiert. Vieles an ihrem Auftritt erinnert an Stump and Stumpy, lässt jedoch deren Klasse vermissen. Da sie zudem Tanzeinlagen boten (genau wie Stump and Stumpy sowie die Clark Brothers), ähnelten sich die Darbietungen zu sehr.“ Derselbe Kritiker lobte jedoch das Finale der Show, in dem der Hauptact Erskine Hawkins auftrat.
„Hawkins’ größter Programmpunkt war ein mitreißendes Arrangement von “Temptation“, bei dem er ganz vorne an der Bühne die Pauken spielte. Die Show endete damit, dass die Treniers auf der Bühne für einen turbulenten Abschluss sorgten, während Hawkins’ Band voll mit einstieg und mächtig aufdrehte.“ (‘Billboard‘, Oktober 1949)
Der ältere Bruder Buddy war zuvor als Solosänger in Milwaukee aufgetreten, schloss sich aber 1949 den Twins an. Berichten zufolge nahmen die Treniers Material für Chord auf – ein kleines Label aus Milwaukee, das seine Aufnahmen normalerweise in Chicago produzierte –, doch es sind keine Veröffentlichungen der Gruppe bei dieser Firma bekannt.
Adams, der inzwischen auch Ivory Joe Hunter vertrat, wurde A&R-Manager für den Bereich Rhythm & Blues bei London Records; dieser Zweig der britischen Decca versuchte damals, auf dem amerikanischen R&B-Markt Fuß zu fassen. Während andere Künstler aus Adams’ wachsendem R&B-Portfolio an RCA-Victor vermittelt wurden (Gay Crosse, Joe Robinson, Meredith Howard), erhielten die Treniers einen Vertrag bei London.
Ihre erste Veröffentlichung im März 1950 stieß beim Rezensenten des ‘Billboard‘ auf aufmerksame Resonanz. Zu “Everybody Get Together“ merkte er an: „Die überschwänglichen Treniers trällern einen ihrer typischen, mitreißenden Jump-Songs, während sich die Combo mächtig ins Zeug legt. Auf Platte verlieren ihre Späße allerdings etwas an Wirkung.“ Und zum Titel “Why Did You Get So High, Shorty“ urteilte der anonyme Kritiker: „Erstklassiges Material im Stil von Vaudeville- oder Nachtclub-Nummern. Wie bei der B-Seite schmälert das Fehlen der visuellen Komponente den Gesamteindruck.“
Die allererste Veröffentlichung in der R&B-Reihe von London – “Sneakin’ Around“ des schwer greifbaren Sängers Rudy Render aus Indiana – entwickelte sich zu einem Riesenerfolg; der Song erreichte # 2 und hielt sich 15 Wochen lang in den Charts. Trotz energischer Promotion konnte sich keine der anderen R&B-Platten von London auf diesem hart umkämpften und unberechenbaren Markt nennenswert durchsetzen.
Im Mai 1950 gab Adams bekannt, dass die Treniers weitere Aufnahmen für London machen würden, doch diese Titel sind bis heute nicht auffindbar. Später im selben Jahr gab er sein Geschäft als persönlicher Manager auf – wozu auch die Betreuung von Louis Jordan gehörte – und nahm eine Führungsposition bei MCA an; das Unternehmen war damals zwar noch eine reine Booking-Agentur, zählte aber bereits zu den größten ihrer Art.
Im Dezember 1950 nahmen Claude, Cliff und Buddy ihren Bruder Milt in die Band auf; noch im selben Monat trat er erstmals gemeinsam mit ihnen im Chubby's Club in Collingswood/New Jersey auf.
Sechs Monate später nahm Danny Kessler sie für das Columbia-Sublabel OKeh unter Vertrag. Columbia hatte im R&B-Bereich schon seit einigen Jahren kaum noch Erfolge erzielt, weshalb das Label OKeh eigens als Plattform für Rhythm and Blues ins Leben gerufen wurde. Wie die anderen großen Plattenfirmen erkannte auch Columbia, dass man bei der Promotion – im Gegensatz zu den Independent-Labels – Schwächen zeigte: Den Indies standen kleine Vertriebspartner zur Verfügung, die hungrig genug waren, selbst die kleinsten Plattenläden zu beliefern, und sie pflegten enge Beziehungen zu den R&B-DJs – Verbindungen, die in jenen „unschuldigen“ Zeiten auch offene Payola-Zahlungen einschlossen. Zudem hatte man einige Jahre zuvor einen folgenschweren Fehler begangen, als man Mitch Miller – einen erklärten Gegner des "Big Beat" – zum Leiter der R&B-Abteilung ernannt hatte. Niemand in der Branche verstand weniger von R&B-Musik oder interessierte sich weniger dafür als "Sing-along-Mitch", der später zu einem der erbittertsten Feinde des Rock'n'Roll avancierte.
Kessler hatte seine Karriere im Musikgeschäft als Kommissionierer beim Columbia-Vertrieb in Philadelphia begonnen, bevor er in den Promotion-Bereich wechselte. Er leistete hervorragende Arbeit mit den wenigen Aufnahmen schwarzer Künstler, die das große Label bis dahin veröffentlicht hatte; als das OKeh-Projekt Gestalt annahm, wurde ihm daher die Position des A&R-Managers übertragen.
Der Großteil des Künstlerstamms bei OKeh gehörte bereits zu Columbia, doch die Treniers waren der erste „neue“ Act, den er unter Vertrag nahm. Dies geschah an der Ostküste. „Auf einer Promotion-Tour nach Washington, D.C.“, erzählt Kessler, „hörte ich eine Gruppe namens Treniers – sieben Männer unter der Leitung von Zwillingsbrüdern. Ihr großer Hit war “Go, Go, Go“. Sie ernteten damit Standing Ovations. So wurden die Treniers die ersten schwarzen Künstler, die ich unter Vertrag nahm, und “Go, Go, Go“ die erste Platte, die ich für OKeh produzierte.“
Obwohl sich “Go, Go, Go“ sehr gut verkaufte, schaffte es der Song im September 1951 nur für eine einzige Woche in die Charts. Selbst der Rezensent des ‘Billboard‘-Magazins war begeistert und urteilte, das Label OKeh könne mit diesem wilden, ungestümen Jump Nummer im-Rock’n’Roll-Stil einen echten Traumstart hinlegen. „Die Treniers zeigen sich voller Elan, und Gilbeaux haut mächtig auf dem Altsaxofon rein.“ Da Gilbeaux jedoch Klavier spielte, war das gar keine so kleine Leistung. Tatsächlich war es Don Hill, der auf dem Altsaxofon loslegte – so wie er es bei den Treniers schon seit 40 Jahren tat.
Im Laufe der Jahre wurde viel über die Bedeutung – oder auch die mangelnde Bedeutung – der ‘Billboard‘-Charts diskutiert. Als “Go, Go, Go“ erschien, umfassten die "R&B Best Seller"-Charts nur zehn Plätze und basierten auf den Daten einiger weniger Einzelhändler im ganzen Land. Eine weitere, separate Auswertung berücksichtigte Angaben ausgewählter "Jukebox"-Betreiber, die über eine beträchtliche Anzahl von Geräten in Lokalen mit vorwiegend schwarzem Publikum verfügten.
Genau diese Jukebox-Charts verzeichneten für die Treniers genügend Einsätze, um ihnen den letzten Platz zu sichern – allerdings nur für eine einzige Woche. Auch wenn dies wie ein eher bescheidener Erfolg wirken mag, waren Kessler und OKeh mit den Verkaufszahlen sehr zufrieden; die Gruppe blieb fünf Jahre lang bei dem Label, ohne jedoch jemals wieder in die Hitlisten des großen Branchenblatts zu gelangen.
Ein Bericht über Independent-Labels im ‘Billboard‘-Magazin vom 03. Dezember 1949 hilft zu verstehen, wie das möglich war. Eine von Bill Simon, einem Mitarbeiter des Magazins, durchgeführte Studie ergab, dass ein Independent-Label nur etwa 5.000 verkaufte Exemplare benötigte, um die Gewinnschwelle zu erreichen, während die Major-Labels (zu denen auch OKeh gehörte) mindestens 15.000 Platten absetzen mussten, um ihre Kosten zu decken.
Die tatsächlichen Verkaufszahlen der Treniers-Platten sind nicht bekannt, doch im ‘Billboard‘ vom 04. Oktober 1952 wurde erwähnt, dass „eine der jüngsten Platten der Treniers die Marke von 60.000 Exemplaren erreichte“. Schade, dass nicht gesagt wurde, welche.
Von Plattenfirmen veröffentlichte Verkaufszahlen sind bekanntermaßen mit Vorsicht zu genießen, doch Simons Bericht besagte, dass sich Ruth Browns “So Long“ – unbestritten der große Hit, der ihre Karriere begründete – innerhalb von drei Monaten 65.000-mal verkauft hatte. In den ‘Billboard‘-R&B-Charts erreichte der Song # 6 und hielt sich dort zehn Wochen lang. Andererseits wurde für Joe Monis’ “Beans And Cornbread“ eine höhere Verkaufszahl gemeldet – 70.000 Exemplare –, aber... Es tauchte in keiner Hitparade auf.
Offensichtlich stand die Chartplatzierung in keinem direkten Zusammenhang mit den tatsächlichen Verkaufszahlen; die Branchenzeitschrift hatte hier wohl etwas Entscheidendes verpasst – womöglich, weil sie ihre Chartdaten vorwiegend aus den großen Städten an den Küsten bezog und die Entwicklungen im Süden und Mittleren Westen außer Acht ließ.
Nach “Go, Go, Go“ setzten die Treniers ihr energiegeladenes Treiben fort – sowohl auf der Bühne als auch auf Tonträgern. Sie trugen zweifellos maßgeblich dazu bei, den Begriff "Rock’n’Roll" im allgemeinen Sprachgebrauch zu etablieren, etwa mit Songs wie “It Rocks, It Rolls, It Swings“ beeindruckte Billboard positiv. Der Rezensent schwärmte: „Ein mitreißender Jump-Song, kraftvoll und solide, mit wildem Gesang. Claude, Cliff Trenier und die Band geben von Anfang bis Ende Vollgas. Die Platte enthält ein großartiges Saxofonsolo von Don Hill. Ein starker Titel.“
Ebenfalls in diese Kategorie fallen “Rockin' On Sunday Night“, “Rockin' Is Our Buzness“ und “Rock-A-Beatin' Boogie“. Claude ist überzeugt, dass sie die ersten waren, die den Begriff "Rock’n’Roll" prägten, und kann sich noch genau erinnern, wann und wie alles begann: „Wir fingen 1947 an, einen Song namens “Good Rockin'“ zu singen und kamen nach Chicago, um im Blue Note zu spielen. Aber niemand wusste, wie er beschreiben sollte, was wir da machten. Also fragte uns der Besitzer des Blue Note, der zuvor schon Duke Ellington, Basie und Raymond Scott gespielt hatte: „Wie kann ich euch vorstellen?‘“ Wir sagten ihm, er solle sagen, was er wolle. Also meinte er: „Wir nennen euch einfach die Rock'n'Roll-Treniers.“
In jenen unbeschwerten Tagen vor dem großen Sturm der Anti-R&B-Hysterie dachte sich OKeh nichts dabei, “Poon Tang“ zu veröffentlichen.
Zwei Jahre später lösten “Work With Me Annie“ von den Midnighters und “Honey Love“ von den Drifters einen Sturm der Entrüstung aus. 1952 jedoch entging “Poon Tang“ der Zensur, und die Treniers profitierten enorm von diesem gewagten Werk. „Der Typ, der das geschrieben hat, schrieb eigentlich Songs für New Yorker Theater“, erinnerte sich Claude, „aber er hatte diesen Song in der Schublade. Er geht so: „Poon Tang, Poon Tang, Poon mit einer Umarmung, Tang mit einem Kuss, ich bin auf einer Insel gestrandet und vermisse meine Liebe.“ Es geht um einen Soldaten, der, wenn er zurückkommt, sich etwas Poon Tang gönnen will. Nachdem wir diese Platte aufgenommen hatten, ließen wir Dosen mit der Aufschrift „Lower Alabama Poon Tang“ bedrucken und verteilten sie an die Leute. Diese nutzten sie als Spardosen. „Poon Tang“ bedeutet bei uns so viel wie „Ich will Sex“, deshalb haben wir die Umarmungs- und Kuss-Szene eingebaut – damit der Song im Radio gespielt wird.“
“Poon Tang“ fehlte auffällig, als die Gruppe im Dezember 1952 in Hollywood mit dem AFRS-Orchester unter der Leitung von Liberace ein weiteres AFRS-„Jubiläums“-Programm aufnahm. Das ist schade, denn man hat sofort das Bild vor Augen, wie Liberace „Ich hol mir den Poon Tang!“ ruft. Auch der Song “Jut/walla“, der sonst nirgends veröffentlicht wurde, war Teil dieses Programms, und “Hi Yo Silver“ wurde mit der großen AFRS-Band neu aufgenommen.
Die Geschichte von “Rock-A-Beatin' Boogie“ zeigt die Treniers als Pioniere der Rockmusik. Claude erzählt diese Geschichte gern, auch wenn er sie jedes Mal etwas anders schildert. „Um euch zu zeigen, wie wir schon vor Elvis 1952 gerockt haben: Wir haben 1949 im Surf Club in Wildwood/New Jersey gespielt.. Bill Haley spielte gegenüber in einer Cowboyband. Sie traten unter dem Namen Cowboy Bill Haley and the Saddlemen auf. Er rockte nichts. Er kam oft in den Surf Club, sah uns zu und sagte, wie sehr ihm unsere Musik gefiel. Er gab uns einen seiner Songs. Er hieß „Rock-A-Beatin' Boogie“. Wir nahmen ihn auf, verkauften aber nichts. Also beschloss er, ihn mit demselben Arrangement aufzunehmen, und verkaufte Tausende von Exemplaren.“ Es sei angemerkt, dass Claude dem Journalisten Nick Tosches erzählte, dass alles im Sommer 1950 geschah und sie damals im Riptide Club spielten. Fachzeitschriften belegen, dass die Treniers den ganzen Sommer 1952 über im Riptide in Wildwood waren.
Ganz gleich, wann sie den Song von Haley erhielten – sie nahmen ihn im August 1953 für OKeh auf, und er erschien im April 1954. Haleys eigene Version kam im Oktober 1955 bei Decca heraus.
Einer der Originalsongs der Treniers, “Get Out Of The Car“ – ein urkomisches, leicht anrüchiges kleines Schauspiel –, wurde von Sammy Davis Jr. (noch zu seiner Zeit als schwarzer Entertainer, also vor seiner „Sinatra-Rat-Pack“-Phase) sowie von Richard Berry gecovert; dessen leicht abgewandelte Version auf dem Album “Hair“ wurde fälschlicherweise „Berry“ statt Cliff & Claude Trenier zugeschrieben.
Weitere bemerkenswerte Titel aus dieser Zeit waren “Hadacol, That’s All“ – eine Hommage an jenes berühmte (und stark alkoholhaltige) Patentmittel – sowie “Say Hey“, bei dem Willie Mays als zusätzlicher Sänger mitwirkte.
Bruder Milt nahm 1953 in Hollywood als Solokünstler für RCA-Victor auf, begleitet von einer hochkarätigen Jazz-Besetzung – darunter Shelly Manne, Shorty Rogers, Bud Shank, Howard Rumsey und Jimmy Giuffre (bekannt als The Lighthouse All-Stars) – sowie später im selben Jahr in New York gemeinsam mit Gilbeaux, Till und Mickey Baker. Aus dieser letzteren Session stammte auch Don Hills wunderbares Instrumental-Solo von “Oh My Papa“.
Bei Gesangsnummern wie “Straighten Up Baby“ und der Rumba “I Got The Blues So Bad“ zeigte Milt eine intensive Blues-Interpretation, die stark an Roy Brown erinnerte, während er bei klassischen Liebesliedern bisweilen wie Bullmoose Jackson klang.
“Hey You“ stammte aus der Feder des erfolgreichen Songwriter-Duos Willis Carroll und Carmen Taylor (bekannt durch “Seven Days“ und “In Paradise“). Die „coolen“ Jazzmusiker in Hollywood bewiesen bei den Ensemble-Gesangspassagen von “Rock Bottom“ ihr Können und rockten den Song, als hätten sie dabei tatsächlich ihren Spaß. Einige Jahre später kam es in Mode, dass Jazzmusiker die gesamte Rock-Szene geringschätzig behandelten, obwohl sie weiterhin bei entsprechenden Aufnahmesessions mitwirkten; eine solche Ambivalenz existierte jedoch 1953 noch nicht.
“You’re Killin’ Me“ – zweifellos einer der eigenwilligsten Songs von Jerry Leiber und Mike Stoller – begann wie eine Predigt, bevor Shorty Rogers & His Giants den Titel gekonnt rockig in Schwung brachten.
“Lady Luck“ entstand während einer New Yorker Session im Juni 1954 mit Musikern, die häufig auf Aufnahmen der Labels Atlantic und Savoy zu hören waren: Mickey Baker, Sam Taylor, Heywood Henry, Lloyd Trotman, Leslie Johnakins und Freddie Washington.
Claude steuerte den Titel “Day Old Bread“ bei, und “Squeeze Me“ (was verdächtig nach “Bloodshot Eyes“ klingt) sowie “Flip Our Wigs“ sind weitere Stücke im klassischen Stil von Leiber & Stoller.
Ab 1956 nahm die gesamte Familie für das RCA-Sublabel Vik auf. Ebenfalls 1956 wagten die Treniers den Sprung ins Filmgeschäft: Zunächst traten sie gemeinsam mit Bill Haley, Little Richard, Alan Freed und Dave Appells Applejacks in dem Streifen “Don't Knock The Rock“ auf. Der Film, der als Fortsetzung von Haleys erstem Werk “Rock Around The Clock“ vermarktet wurde, war für weniger als 500.000 Dollar (wahrscheinlich sogar deutlich weniger) produziert worden und spielte nach seiner Veröffentlichung im Dezember 1956 das Fünffache dieser Summe ein.
Bereits einige Jahre zuvor hatte Berle Adams Kurzfilme genutzt, um Louis Jordans neues Material (darunter “Caldonia“, “Beware“ und “Reet, Petite And Gone“) zu bewerben; doch die Konzertauftritte der Treniers in Spielfilmen kurbelten ihre Plattenverkäufe kaum an – auch wenn sie zweifellos ihren Marktwert für die Nachtclubs, großen Ferienanlagen, Casinos und Theater steigerten, in denen die Truppe ständig gastierte. Zudem wirkten sie in “The Girl Can't Help It“ mit – womöglich der beste der frühen Rock-Musikfilme (ebenfalls im Dezember 1956 veröffentlicht), “Calypso Heat Wave“ (Juni 1957) und “Juke Box Rhythm“ (April 1959), in denen die Twins mit der Johnny Otis Band auftraten. Bemerkenswert ist, dass die Treniers nie in einem der rein schwarzen Spielfilme und Kurzfilme zu sehen waren, die ab den frühen 1940 er Jahren in großer Stückzahl produziert wurden – ihre Anziehungskraft galt eher dem Rock'n'Roll-Publikum als den eingefleischten schwarzen R&B-Fans.
Ihr Fehlen von Hitplatten machte für die Menschenmengen in Las Vegas, Hollywood oder New York City, die auf der Suche nach einer guten Unterhaltung waren, keinen Unterschied, und genau diese breite Anziehungskraft hat die Gruppe bis heute getragen. Für RCA-Victor/Vik spielten die Twins überraschend milde “Drinkin' Wine Spo-Dee-O-Dee“.
“Come Back To Sorrento“ hat seit seiner Erstveröffentlichung 1904 als “Torna A Surriento“ mehrere Wiederaufnahmen erlebt. Eine glühende Version des Stücks von Xavier Cugat wurde 1948 im Film “Luxury Liner“ verwendet, und das Lied ist ein Dauerfavorit bei Trompeten-Exhibitionisten oder, wie in diesem Fall, bei Altsaxophon-Solisten. Die Treniers konnten es natürlich nicht auf sich beruhen lassen und trieben Don Hill auf jedem Schritt des Weges an. Das Ergebnis war ein mitreißender Stomper, der auf Double-Time wechselte, ganz im späteren Louis Prima/Sam Butera-Stil. Wie die Jungs sagen: „Bella, Bella“.
Ähnlicher Respekt wurde “Lover Come Back To Me“ entgegengebracht, das Dizzy Gillespies Version von 1948 ähnelt, als Dizzy sich in seiner afro-kubanischen Phase befand, mit der Ergänzung der typischen Trenier-Rufe.
“The Longest Walk“ begann als ein harmloses kleines Torch-Lied aus England, “Margie“, geboren als Ballade 1920, war definitiv nicht daran gewöhnt, im Stil von Treniers gespielt zu werden, und “Hey Jacobia “war eine Hommage an den gleichnamigen Charmeur. “Rock And Roll President“ war eine durchschaubare "Teen-Exploitation"-Nummer und tatsächlich richtete sich bis 1956 fast alles, was "Rock 'n' Roll" im Titel hatte, direkt an den weißen, jugendlichen Plattenkäufer. Einige solcher Stücke verkauften sich gut, andere scheiterten. Und Eisenhower wurde trotzdem wiedergewählt.
Milt Trenier wechselte die Richtung und wurde mit “Ain't Nothing Wrong With That, Baby“ ganz verträumt, während die Zwillinge die Szenerie mit der Bitte aufrissen, „dass Madune nach Hause zurückkehren solle“. Schade, dass man das Trampolin nicht sehen konnte, aber dieses hier ist wirklich aus den Rillen gesprungen. Niemand würde Lionel Newman, den Autor der Filmmusik, jemals beschuldigen, ein Entenschwanz-Bebopper zu sein, und nur die anstrengendste Gesangsleistung Claudes rettete den Tag auf dem konstruierten und peinlichen “Cool It, Baby“.
Es war die alte Geschichte – die Verkäufe waren unbedeutend, und als ihr Einjahres-Vertrag bei RCA auslief, verließen sie das Label.
Von 1957 bis 1958 nahm die Gruppe für Brunswick auf, und 1958 nahmen sie das “The Treniers Souvenir Album“ für Dot auf, von dem zwei Singles veröffentlicht wurden.
Im Mai 1958 reisten sie zu einer sechswöchigen England-Tour auf, angeführt von Jerry Lee Lewis. Nach einer Notlandung in Irland, als eines der Triebwerke des Flugzeugs Feuer fing, wurde die Lage nur noch schlimmer. Genau die Menschen, die eigentlich Lewis' größte Fans hätten sein sollen, die englischen Teenager, wurden durch die schockierende Nachricht, dass er seine 13-jährige Cousine geheiratet hatte, gegen ihn aufgebracht. Angesichts von Streikposten und spärlichen, mürrischen Menschenmengen schlug die Granada Theater Chain den vorsichtigen Weg ein und warf Lewis von der Tour und aus dem Land. Er wurde durch einen 16-Jährigen ersetzt, ein Gitarrist aus Plumstead, dessen Privatleben als absolut untadelig galt.
Die Treniers machten unbeirrt weiter, auch wenn sie “Poon Tang“ sicherheitshalber aus der Hörweite verbannten und sich von 13-jährigen Mädchen fernhielten.
Mitte der 1980 er Jahre stand nur noch einer der Zwillinge – Claude – auf der Bühne; Cliff war im März 1983 verstorben. Gemeinsam mit Buddy, seinem Neffen Skip und dem bewährten Don Hill trat Claude an den Wochenenden in der Lounge seines Bruders Milt in der Chicagoer Rush Street auf. Sie boten nach wie vor eine wilde Bühnenshow mit heißem Jazz, Swing-Klassikern, neuem Material – ganz im Stil ihrer typischen, eigenwilligen Interpretation – und gelegentlich auch einem ihrer alten Hits.
Manche Dinge besitzen zeitlose Qualität, und die verschmitzten, rockenden Treniers lieferten seinerzeit die ersten Bausteine für das monumentale Bauwerk der Rockmusik.
PETER A. GRENDYSA, Juni 1988
Gruß
Heino