Hallo,
das passt!
Hannoversche Presse Sonnabend, 30. Oktober 1948:
Piesecke tanzt "Jitterbug" und "Boogie Woogie"
„Sie tanzen zu steif, Ihre Glieder müssen aufgelockerter sein und sich dem Rhythmus mehr hingeben“, hatte ich von der Tanzlehrerin immer zu hören bekommen. Ein Freund, dem ich mein leid klagte, gab mir den Tipp, “Jitterbug“ sei das beste Auflockerungsmittel. Er nannte mir ein Tanzlokal.
Schon in der Garderobe schlug mir ein ohrenbetäubender Lärm entgegen. Gellende Trompetenstöße und dumpfe Trommelwirbel ließen mich erschreckt zusammenfahren. „Keine Angst“, beruhigte mich die Garderobenfrau, „es geht erst noch richtig los“. „Das kann ja heiter werden“, dachte ich, doch Lehrgeld muss jeder zahlen, darum nahm ich mir ein Herz und betrat das Lokal.
Als sich meine Augen und meine Lunge an den Qualm gewöhnt hatten, nahm ich direkt an der Tanzfläche Platz. Die Tischnachbarn musterten mich prüfend. Ein semmelblonder Jüngling bließ mir seinen Zigarettenrauch ins Gesicht. Doch das war nicht das Schlimmste. Neben mir saß ein junges Mädchen mit übergeschlagenen Beinen und mandelförmig zusammengekniffenen Augen und lächelte mich unentwegt an. Unsicher tastete ich nach meinem Schlips, der saß gerade.
„Wumm, wumm, wumm“, dröhnte es plötzlich vom Podium herüber, und was jetzt geschah, lässt sich nicht mit Worten schildern. Da griffen die Tänzer ihre Partnerinnen, dass ich Angst bekam, sie könnten zerbrechen. Mit hängenden Schultern und herausgebogenem Hinterteil wackelte alles im Wumm-Wumm-Takt der Kapelle. Als würden Stromstöße in den Fußboden gejagt, zuckten die Gestalten auf und nieder. Je mehr das Saxophon aufjaulte, je toller sich der Schlagzeuger bemühte, sein Instrument zu zerschmettern, je dicker die Adern am Hals des Trompeters hervorquollen, um so mehr knallten die Absätze der Tänzer auf das Parkett, wirbelten die Beine durch die Luft, bogen sich die Leiber hin und her. In einer kurzen Atempause zückte alles die Taschentücher, um die Schweißperlen abzutupfen.
Dann begann ein neuer Swing: „Open The Door, Richaaaard“. In meinen Ohren vereinten sich die Synkopen zu einem dumpfen Sausen, mein Kopf dröhnte. Ein Stuhl knallte durch den Beinschwung eines der Halbwilden gegen mein Knie. Erlöst atmete ich auf, als die Kapelle endlich Pause machte.
Mein Entschluss, lieber ein steifer Tänzer zu bleiben, als hier mitzumachen, stand fest. Da brach die Katastrophe über mich herein. Noch ehe ich begriffen hatte, was geschehen sollte, stand die Dame mit den mandelförmigen Augen vor mir, „Damenwahl“ hörte ich noch, dann wurde ich vom Tisch weggerissen.
„Darf ich mich vorstellen, meine Dame!“
„Ach was, dann kann ich ja nichts sehen“, mit diesen Worten zog sie mich auf‘s Parkett. Parfüm- und Puderduft nebelten mich ein. „Mut!“ sagte ich mir. „Wumm, wumm, wumm“ erzitterte der Saal. Ich wollte, wie ich es gelernt hatte anfangen: Eins, Zwei, Drei und Eins – doch beim ersten „Eins“ stand ich bereits auf dem Fuß meiner Dame. „Entschuldigung“ stammelte ich. „Könnse nachher in eins tun, fangense endlich an“, meinte sie, „oder können Sie nich zittern?“
„Wie bitte?“
„Na, zittern Sie doch nach der Musik! Das ist modern und gehört zum "Jitterbug" und "Boogie Woogie", aber jetzt ran, ich übernehme die Führung!“ Meine Dame rüttelte mich hin und her, dass mir schwarz vor Augen wurde, sie drehte mich herum, als wären meine Schienenbeine aus Gummi, sie riss mich an und stieß mich von sich. Ich ließ es willenlos über mich ergehen.
Beim nächsten Tanz sagte sie: „Lass mich Dein Badewasser schlürfen …“
„Wie bitte?“ fragte ich entsetzt.
„Das heißt so, Sie Dussel!“ keifte sie und ließ mich stehen. Ich stahl mich aus der wogenden Masse und stand wenige Augenblicke später in der frischen Luft. Mein Schädel brummte, ich meiner Lunge verspürte ich Stiche, meine Beine wollten mich kaum noch tragen, und meine Brieftasche wies ein erhebliches Defizit auf.
Erschlagen schlich ich heim, kroch wortlos ins Bett. Wie ein Albdruck schauten mich im Träume mandelförmige Augen an.
Gruß
Heino
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