Hallo,
ein Nachruf aus dem Netz:
Burt Bacharach brachte Crooner-Musik und Soul zusammen, Perlendes und Halbtrockenes. Seine Songs prägten die romantischen Vorstellungen des 20. Jahrhunderts. Ein Nachruf
Von Bodo Mrozek
Gefühle stellen wir uns als etwas Individuelles vor, als Ausdruck einer tieferen Innerlichkeit, die nur nach außen dringt, wenn uns die Kontrolle entgleitet. Da ist es ziemlich unromantisch, was die kulturwissenschaftliche Emotionsforschung seit Jahren auf eine nüchterne Formel bringt: Auch Gefühle sind Produkte, die sozial vermittelt, historisch wandelbar und kulturell spezifisch sind. Und sich durchaus absichtsvoll herstellen lassen. Zum Beispiel wissen wir alle, welche Zutaten es braucht, damit Romantik aufkommt. Einen Sonnenuntergang vielleicht, gedimmtes Licht oder Kerzenschein ganz bestimmt, gern auch das Prickeln von Champagner. Und natürlich Musik, die bei der Herstellung von Emotionen in allen Kulturen eine besondere Rolle spielt.
Die Musik von Burt Bacharach muss nicht extra gedämpft werden, sie ist schon intrinsisch dezent. Dabei ist sie nicht nur irgendwie emotional, sondern das zu Sound kristallisierte Klischee einer Romantik aus dem 20. Jahrhundert, bescheiden und extravagant zugleich, perlend und manchmal halbtrocken: Champagner Rosé für die Ohren. Wie geschaffen, um dabei einen Heiratsantrag zu machen, sich wenigstens zu verloben, vielleicht nur mit dieser Musik selbst, zumindest für eine Weile.
Selten kam all dies so pointiert zum Ausdruck wie durch Bacharachs Cameo-Auftritte in allen drei Teilen von Mike Myers' “Austin Powers“, einer Kinopersiflage auf die Sechzigerjahre. In einer dieser Szenen sitzt Myers im Flower-Power-Anzug vor schwarzem Nachthimmel Elizabeth Hurley gegenüber, entkorkt den Champagner und sagt mit breitem Grinsen frontal in die Kamera: „Ladies and gentlemen, Mister Burt Bacharach!“ Am Piano erscheint, zwei Meter entfernt, der leibhaftige Burt, natürlich mit black tie, als Mann am Klavier ein Zitat seiner selbst, und haut nicht in die Tasten, sondern streichelt sie, sanft, aber eindringlich. „What the world needs now/Is love, sweet love.“ Erst der Kameraschwenk offenbart die freiwillige Komik dieser Klischeeromantik in vollem Ausmaß: Alle drei sitzen auf dem offenen Deck eines Londoner Doppeldeckerbusses, während im Hintergrund die Leuchtreklamen von Las Vegas als psychedelisch-buntes Farbfeuerwerk explodieren. So selbstironisch können nicht alle auf sich zurückblicken.
Myers treibt genau jene Bilder auf die Spitze und darüber hinaus, die wir mit dem 1928 in der Musikstadt Kansas City geborenen Burt Freeman Bacharach assoziieren. Von seinen Plattencovern blicken uns Frauen mit schwarz getuschten Wimpern durch Wasserschleier bedeutungsschwanger in die Augen oder schlagen kokett die kurzberockten Beine übereinander. Oder der Musiker selbst lehnt sein Kinn in rodinscher Denkerpose in die Hand, den Ellbogen aufs Klavier gestützt, und spiegelt sich effektvoll beleuchtet im Schellack wie einst Narziss im Quell: die noch streng gegenderte Bildsprache einer verklingenden Epoche. Dabei täte man Bacharachs Musik Unrecht, sie unter dem Label Easy Listening abzutun, nur weil sie Smoking trägt.
Zwar ist sie die Inkarnation jenes Genres, das auch als Fahrstuhlmusik geschmäht wird: aufstiegsorientiert und bequem. Doch ihr Schöpfer war ein voll ausgebildeter Musiker, der weit über das Genre hinaus sein Fach beherrschte, als Arrangeur, Komponist, Pianist und Produzent. Der Sohn aus jüdischer Familie hatte Musik an der kanadischen McGill-Universität studiert, war bei dem französischen Filmkomponisten Darius Milhaud in die Notenlehre gegangen und hatte nebenbei den Größen des Bebops auf die Finger geschaut. Als musikhistorische Inspirationsquelle nannte er einmal Maurice Ravel. Allerdings klingen seine mal sparsam mit Holzbläsern und mal beinahe schwülstig mit dem ganz großen Blechbesteck orchestrierten, oft von südamerikanischen Rhythmusinstrumenten dynamisierten Klangwelten, die knapp zwei Dutzend Filmmusiken bereichern, meist eher nach Hollywood. Später auch nach Las Vegas, der letzten Station für viele große Crooner.
Obwohl der stets korrekt gekleidete Entertainer auch als Abziehbild des weißen Mid-Century-Mannes aus der oberen Mittelschicht figuriert, so war er es doch, der die Schwarze Stimme von Dionne Warwick aus dem Background-Chor der Drifters ans Solo-Mikrofon holte. Die dieser Stimme eingeschriebene schwarze Musiktradition verleiht der glänzenden Oberfläche von Bacharachs Produktionen jene historische Tiefe, die man aus dem oft so melancholisch klingenden Motown-Kosmos kennt. Beide überwanden so gemeinsam die klangliche color line, die lange Zeit das weiß codierte Crooner-Genre vom Schwarzen Soul und Blues trennte. Auf dem Label Scepter drangen Bacharach und Warwick gemeinsam immer wieder in die oberen Ränge der Charts vor, mit Singles wie “Don't Make Me Over“ (1961) oder “Walk On By“ (1968). Allerdings taugten die meisten Stücke Bacharachs besser für Langspielplatten, deren Vinyl auf Cocktailpartys im Hintergrund in Dauerschleife knisterte wie ein künstliches Kaminfeuer.
Viele seiner Kompositionen entstanden gemeinsam mit dem Texter Hal David, der auch für die Jazz-Legenden Sarah Vaughan und Louis Armstrong (im Soundtrack des James-Bond-Filmes “Im Geheimdienst Ihrer Majestät“) schrieb. Auch mit den Soul-Sängerinnen Gladys Knight und Patti LaBelle kooperierte er, mit Stevie Wonder und Elton John. Hinzu gesellten sich Songs wie “Raindrops Keep Fallin' On my Head“ (1969), die heute mit Recht als große US-amerikanische Standards gelten. Auch solch avancierte Stimmen wie die von Dusty Springfield, Barbra Streisand und Connie Francis, jene der Beatles und zuletzt der White Stripes legten sich auf Bacharachs weiches, stets federndes Klangbett.
Der große Hit “What the World Needs Now Is Love“ (1965) ist klanglich zwar auf einem ganz anderen Kontinent zu Hause als die zerhackten Störgeräusche, die jüngere Protestmusiker wie Jimi Hendrix nur wenige Jahre später ihren Verstärkern entlockten. Doch verschaffte Bacharachs kurz nach Eintritt der USA in den Vietnamkrieg geschriebener Song dem Wunsch nach Weltfrieden weithin Gehör, allerdings auf eine so ohrenschmeichelnde Weise, dass er als Protest kaum aufgefallen sein dürfte.
Die politisierten Siebzigerjahre waren denn auch nicht Bacharachs Zeit. Er verbrachte sie mit Rechtsstreitigkeiten, beruflichen wie privaten Zerwürfnissen. Aus vier Ehen, unter anderem mit der Musikerin Carole Bayer, gingen vier Kinder hervor. Daneben frönte er der Pferdezucht – auch lebensweltlich weit entfernt von der widerspenstigen counter culture des "entfesselten Jahrzehnts", wie es der Autor Jens Balzer in einem Buch über die Siebziger nannte. Anfang der Achtzigerjahre gelang Bacharach mit gleich mehreren # 1-Hits, darunter “That's What Friends Are For“ (1981), das ganz große Comeback; in den Neunzigern verließ er sich wieder stilsicher auf alte Weggefährtinnen wie Dionne Warwick.
In Deutschland hatte der Wahlkalifornier erstmals auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs, kurz vor dem Mauerbau, gastiert, als Begleitmusiker von keiner Geringeren als Marlene Dietrich. Als er im Sommer 2018 nach sehr langer Zeit erstmals wieder hierzulande spielte, war er sichtlich bewegt von der Hingabe, mit der Fans unterschiedlichster Lebensalter ihm im ausverkauften Berliner Admiralspalast nicht nur Standing Ovations boten, sondern am Ende des Abends auch textsicher über ganze Songs hinweg seine bereits brüchige Stimme unterstützten. Die hatte noch nie besonders schön geklungen, krächzte nun aber mehr, als dass sie sang. Lächelnd verlegte sich der betagte Star darauf, sein Publikum zu dirigieren.
Kaum jemand im Saal aber dürfte den suchenden Blick verstanden haben, den Bacharach ins Publikum schickte, als er verschmitzt fragte, ob es denn eigentlich das Hilton noch gebe, in dem er vor Jahrzehnten bei seinem ersten Berlin-Besuch abgestiegen sei. Und dass er dort eine sehr schöne Zeit verbracht habe, wie er nach einer kurzen Pause bedeutsam hinzufügte. Aufgefangen wurde der Blick von der Tochter einer ehemaligen Kellnerin des Hilton, die um die Geschichte wusste, die Bacharach eine Zeit lang mit Deutschland verband und die auf so altmodische Weise romantisch ist wie ein Bacharach-Song – und deshalb hierhergehört. Die 85 Jahre alte Stimme der Mutter wird ganz jung, als sie nun am Telefon davon erzählt.
Wie sie damals gemeinsam mit ihrer Freundin das Privileg genoss, im schick designten Café eines der ersten US-amerikanischen Hotels auf deutschem Boden zu kellnern, wo Weltstars wie Yma Sumac und eben auch Burt Bacharach ein und aus gingen. Wie ihre "bildhübsche" Freundin, stets vor den Fotografen auf der Flucht, bei dem eleganten Komponisten wider alle besseren Vorsätze schwach wurde. Wie sie lange nach seiner Abreise immer wieder ausgedehnte R-Gespräche aus einer Sprechzelle am Bahnhof Zoo mit ihm führte. Wie schließlich prominente Hotelgäste für "das junge Ding" bürgten, damit es Bacharach in die USA folgen konnte, für eine Zeit lang jedenfalls. Wo sie erst im New Yorker Waldorf Astoria kellnerte, dann studierte und schließlich zur preisgekrönten Philologin wurde, die sich bleibende Verdienste um die Entzifferung der deutschen Klassik erwarb – ästhetisch nun aber weit entfernt vom US-Entertainment à la Bacharach.
Bacharachs suchender Blick – war es “The Look of Love“ (1967)? – konnte sie in den Berliner Rängen nicht mehr finden, denn zur Zeit seines Konzerts ging es ihr schon nicht mehr gut – die Dame, deren Name hier verschwiegen sei, starb im März vergangenen Jahres. Am Mittwoch nun folgte Burt Bacharach aus Los Angeles seiner deutschen Romanze nach, mit der den zuletzt 94-Jährigen einige jener emotionalen Momente verbunden haben mochten, wie sie in seiner Musik so oft kondensieren. So schmeichelnd und diskret sie sind, bleiben etliche von ihnen doch unauslöschlich in Erinnerung.
Gruß
Heino