...hats ganz schön doll getrieben, damals, die Dame
) :
frei aus dem "Spiegel" 33/1960
der ganze Bericht hier:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43066493.html
"Der in der Pressestelle der Firma (Philips) ansässige Uwe-Jens Tietjens rief aufgeregt und unkonventionellwestdeutscheJournalisten an und versicherte, seine Firma stehe kopf. Ein toller Erfolg sei da. Man hätte von einer Neuerscheinung mehrere Folien an Großhändler verschickt. Und innerhalb von wenigen Tagen seien zunächst 35 000 Bestellungen eingegangen, und diese Zahl sei blitzartig auf 50 000 gestiegen ..."
Dieser orientalische Überraschungserfolg war "Laila". Die Mitglieder einer Gesangsgruppe namens "Regento-Stars" intonierten das Lied, von zickiger Schifferklaviermusik begleitet, wie die Teilnehmer einer mißglückten Herrenpartie. Die Aufnahme klang, als sei sie in einer Waschküche angefertigt worden.
Aber nicht die musikalische Qualität, sondern der Text der Platte war die Ursache für die Anfechtungen, denen sich die Geschäftsleitung der Firma Philips sogleich ausgesetzt sah. Denn die "Regento-Stars" sangen:
Nur die eine Nacht erwähle mich,
küsse mich und quäle mich ...
In der magischen Tropennacht
vor dem Frauenhaus in Algier
hat ein dunkles Aug' ihm zugelacht,
dem kranken, bleichen Legionär.
Dieses Freudenhausgestammel stachelte sogar das phlegmatische "Hamburger Abendblatt" zu dem Warnruf an: "Falls diese Platte Euren Weg kreuzen sollte, Freunde, dann geht in volle Deckung . . ."
Wie nötig diese Warnung buchstäblich war, zeigte sich sieben Wochen später. In einem Lokal des oberbayrischen Ortes Manching kam es zu einer Schießerei zwischen Bundeswehrsoldaten und einem "Laila"-Konsumenten: Als der Textilhändler Rudolf Waitz zum viertenmal an der Musikbox die "Laila" -Taste gedrückt hatte, "wurde es einem 20jährigen Bundeswehr-Gefreiten zuviel", wie die "Bild"-Zeitung berichtete: "Er unterbrach das Lied, das in primitiver, anstößiger Weise eine algerische Lebedame besingt. Waitz riß daraufhin eine Pistole aus der Tasche und schoß den Gefreiten nieder. Drei Soldaten, die dem Kameraden zu Hilfe eilen wollten, streckte der Textilhändler mit weiteren Schüssen zu Boden."
Aber nicht nur unter Musik-Konsumenten, auch unter den Lieferanten gab es Zank um den neuen Erfolgsschlager. Die Firma Philips hatte die Aufnahme unter ungewöhnlichen Umständen importiert. Ihre Außenvertreter waren erstmals im Raume Aachen auf die Platte gestoßen, wo Grenzjäger das "Laila"-Lied als attraktives Souvenir einer Hollandfahrt in die Bundesrepublik einschmuggelten.
Philips übernahm "Laila" in das deutsche Programm, doch erst als die Platte in die Bestsellerliste vorstieß und deutsche Musikverleger sich für die Verlagsrechte des Schlagers interessierten - schließlich kassiert ein Verleger acht Pfennig pro Seite einer verkauften Platte -, trat ein verblüffender Sachverhalt zutage:
Die Musik hatte der Wiener Kapellmeister Dol Dauber schon 1928 geschrieben, der Text stammte von dem im KZ umgekommenen Librettisten Dr. Fritz Lohner. Seit der Wiener Boheme-Verlag 1930 vom Ufa-Ton-Verlag übernommen wurde, gehören die "Laila"-Rechte der Ufa. In ihrer Fassung schreibt sich "Laila" allerdings mit "ei".
Als Autor der "ai"-Version dagegen zeichnete ein polnischer Bergarbeiter namens Majcherek; er hatte zusammen mit zwei Kumpels "Laila" für die holländische ,"Tivoli"-Schallplatte eingesungen und -gespielt. Die Polen arbeiteten nebenberuflich als Musiker in einem Lokal, und "Laila", ihr Paradestück, war von Kohlengräber Majcherek aus dem Gedächtnis zusammengestückelt worden. Ufa-Ton-Verlagsleiter Rudolf Förster: "Weder der Text noch die Musik, noch das Arrangement, noch die Aufnahme, noch die Interpretation sind richtig. An dieser Platte stimmt nichts, außer, daß sie rund ist und schwarz."
Aber der heutige, in Berlin residierende Ufa-Ton-Verlag stand mit Tantiemen-Ansprüchen nicht allein da. Bergmann Majcherek hatte für sein Algierlied gleich zwei andere deutsche Schlager mitverarbeitet.
Musikverleger Will Meisel meldete für Schlagermacher Peter Igelhoff Urheber-Ansprüche an und legte als Beweis diesen Text eines Igelhoff-Schlagers vor:
Stellen Sie sich vor, ich wär
ein wilder Räuber,
und Sie gehen nachts allein im Wald.
Stellen Sie sich vor, ich raub
auch schöne Weiber,
wird es Ihnen da nicht heiß und kalt?
Stellen Sie sich vor, Ich ruf jetzt
Hände hoch,
und ich küß Sie tausendmal und mehr
Die Bergarbeiter sangen unter dem Künstlernamen "Regento-Stars" kaum anders:
Stellen Sie sich vor, Sie liefen
ganz allein im Wald herum,
und ich täte rufen Hände hoch oder
ich schieße Sie.
Wäre das nicht wunderbar?
Fühlen Sie jetzt, meine Herren, daß
die Damen völlig willenlos sind geworden?
Ufa-Förster: "Für diese Ähnlichkeit will Igelhoff jetzt Geld!"
Auch ein Tango des Komponisten Erich Jaksch ("So wie du hat mich noch keine betrogen") war von den Bergleuten für, "Laila" verwurstet worden. So kam es, daß zum Schluß ein Liebhaber klagt, Laila betrüge ihn, obwohl er zugibt, gewußt zu haben, daß sie in einem Freudenhaus tätig sei.
Die "Gema", die deutsche Urheberschutz-Gesellschaft, schaltete sich in den Tantiemenstreit der Verleger ein und stellte offiziell fest, daß ohne Genehmigung der Urheber auf einer Einzelplatte drei Melodien verarbeitet worden seien. Der Gesellschaft obliegt es nun, zu entscheiden, welche Anteile die betroffenen Urheber eintreiben dürfen.
Da mittlerweile die Zeitungen den primitiven Text kritisiert hatten und sich sogar im Philips-Haus Abneigung gegen den Freudenhaus-Song breitmachte, war niemand sonderlich an der Propagierung der Platte interessiert.
Aber trotz der einsetzenden Sommerflaute stiegen die Verkaufsziffern des zusammengeschusterten Algerienliedes. ",Laila' kam in eine ausgesprochene Bedarfslücke", erläuterte Ufa-Förster. "Das Publikum war jahrelang mit der Rock'n'Roll-Masche überfüttert. Es wollte endlich etwas anderes hören. Und weil Italien durch war, kam Nordafrika dran."
Bis Anfang August wurden 200 000 "Laila"-Platten abgesetzt.
) :
frei aus dem "Spiegel" 33/1960
der ganze Bericht hier:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43066493.html
"Der in der Pressestelle der Firma (Philips) ansässige Uwe-Jens Tietjens rief aufgeregt und unkonventionellwestdeutscheJournalisten an und versicherte, seine Firma stehe kopf. Ein toller Erfolg sei da. Man hätte von einer Neuerscheinung mehrere Folien an Großhändler verschickt. Und innerhalb von wenigen Tagen seien zunächst 35 000 Bestellungen eingegangen, und diese Zahl sei blitzartig auf 50 000 gestiegen ..."
Dieser orientalische Überraschungserfolg war "Laila". Die Mitglieder einer Gesangsgruppe namens "Regento-Stars" intonierten das Lied, von zickiger Schifferklaviermusik begleitet, wie die Teilnehmer einer mißglückten Herrenpartie. Die Aufnahme klang, als sei sie in einer Waschküche angefertigt worden.
Aber nicht die musikalische Qualität, sondern der Text der Platte war die Ursache für die Anfechtungen, denen sich die Geschäftsleitung der Firma Philips sogleich ausgesetzt sah. Denn die "Regento-Stars" sangen:
Nur die eine Nacht erwähle mich,
küsse mich und quäle mich ...
In der magischen Tropennacht
vor dem Frauenhaus in Algier
hat ein dunkles Aug' ihm zugelacht,
dem kranken, bleichen Legionär.
Dieses Freudenhausgestammel stachelte sogar das phlegmatische "Hamburger Abendblatt" zu dem Warnruf an: "Falls diese Platte Euren Weg kreuzen sollte, Freunde, dann geht in volle Deckung . . ."
Wie nötig diese Warnung buchstäblich war, zeigte sich sieben Wochen später. In einem Lokal des oberbayrischen Ortes Manching kam es zu einer Schießerei zwischen Bundeswehrsoldaten und einem "Laila"-Konsumenten: Als der Textilhändler Rudolf Waitz zum viertenmal an der Musikbox die "Laila" -Taste gedrückt hatte, "wurde es einem 20jährigen Bundeswehr-Gefreiten zuviel", wie die "Bild"-Zeitung berichtete: "Er unterbrach das Lied, das in primitiver, anstößiger Weise eine algerische Lebedame besingt. Waitz riß daraufhin eine Pistole aus der Tasche und schoß den Gefreiten nieder. Drei Soldaten, die dem Kameraden zu Hilfe eilen wollten, streckte der Textilhändler mit weiteren Schüssen zu Boden."
Aber nicht nur unter Musik-Konsumenten, auch unter den Lieferanten gab es Zank um den neuen Erfolgsschlager. Die Firma Philips hatte die Aufnahme unter ungewöhnlichen Umständen importiert. Ihre Außenvertreter waren erstmals im Raume Aachen auf die Platte gestoßen, wo Grenzjäger das "Laila"-Lied als attraktives Souvenir einer Hollandfahrt in die Bundesrepublik einschmuggelten.
Philips übernahm "Laila" in das deutsche Programm, doch erst als die Platte in die Bestsellerliste vorstieß und deutsche Musikverleger sich für die Verlagsrechte des Schlagers interessierten - schließlich kassiert ein Verleger acht Pfennig pro Seite einer verkauften Platte -, trat ein verblüffender Sachverhalt zutage:
Die Musik hatte der Wiener Kapellmeister Dol Dauber schon 1928 geschrieben, der Text stammte von dem im KZ umgekommenen Librettisten Dr. Fritz Lohner. Seit der Wiener Boheme-Verlag 1930 vom Ufa-Ton-Verlag übernommen wurde, gehören die "Laila"-Rechte der Ufa. In ihrer Fassung schreibt sich "Laila" allerdings mit "ei".
Als Autor der "ai"-Version dagegen zeichnete ein polnischer Bergarbeiter namens Majcherek; er hatte zusammen mit zwei Kumpels "Laila" für die holländische ,"Tivoli"-Schallplatte eingesungen und -gespielt. Die Polen arbeiteten nebenberuflich als Musiker in einem Lokal, und "Laila", ihr Paradestück, war von Kohlengräber Majcherek aus dem Gedächtnis zusammengestückelt worden. Ufa-Ton-Verlagsleiter Rudolf Förster: "Weder der Text noch die Musik, noch das Arrangement, noch die Aufnahme, noch die Interpretation sind richtig. An dieser Platte stimmt nichts, außer, daß sie rund ist und schwarz."
Aber der heutige, in Berlin residierende Ufa-Ton-Verlag stand mit Tantiemen-Ansprüchen nicht allein da. Bergmann Majcherek hatte für sein Algierlied gleich zwei andere deutsche Schlager mitverarbeitet.
Musikverleger Will Meisel meldete für Schlagermacher Peter Igelhoff Urheber-Ansprüche an und legte als Beweis diesen Text eines Igelhoff-Schlagers vor:
Stellen Sie sich vor, ich wär
ein wilder Räuber,
und Sie gehen nachts allein im Wald.
Stellen Sie sich vor, ich raub
auch schöne Weiber,
wird es Ihnen da nicht heiß und kalt?
Stellen Sie sich vor, Ich ruf jetzt
Hände hoch,
und ich küß Sie tausendmal und mehr
Die Bergarbeiter sangen unter dem Künstlernamen "Regento-Stars" kaum anders:
Stellen Sie sich vor, Sie liefen
ganz allein im Wald herum,
und ich täte rufen Hände hoch oder
ich schieße Sie.
Wäre das nicht wunderbar?
Fühlen Sie jetzt, meine Herren, daß
die Damen völlig willenlos sind geworden?
Ufa-Förster: "Für diese Ähnlichkeit will Igelhoff jetzt Geld!"
Auch ein Tango des Komponisten Erich Jaksch ("So wie du hat mich noch keine betrogen") war von den Bergleuten für, "Laila" verwurstet worden. So kam es, daß zum Schluß ein Liebhaber klagt, Laila betrüge ihn, obwohl er zugibt, gewußt zu haben, daß sie in einem Freudenhaus tätig sei.
Die "Gema", die deutsche Urheberschutz-Gesellschaft, schaltete sich in den Tantiemenstreit der Verleger ein und stellte offiziell fest, daß ohne Genehmigung der Urheber auf einer Einzelplatte drei Melodien verarbeitet worden seien. Der Gesellschaft obliegt es nun, zu entscheiden, welche Anteile die betroffenen Urheber eintreiben dürfen.
Da mittlerweile die Zeitungen den primitiven Text kritisiert hatten und sich sogar im Philips-Haus Abneigung gegen den Freudenhaus-Song breitmachte, war niemand sonderlich an der Propagierung der Platte interessiert.
Aber trotz der einsetzenden Sommerflaute stiegen die Verkaufsziffern des zusammengeschusterten Algerienliedes. ",Laila' kam in eine ausgesprochene Bedarfslücke", erläuterte Ufa-Förster. "Das Publikum war jahrelang mit der Rock'n'Roll-Masche überfüttert. Es wollte endlich etwas anderes hören. Und weil Italien durch war, kam Nordafrika dran."
Bis Anfang August wurden 200 000 "Laila"-Platten abgesetzt.