DGG-/Polydor-Matrizen

 
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Re: DGG-/Polydor-Matrizen

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Gepostet: 13.03.2017 - 12:07 Uhr  ·  #9
Zitat
Die Kennbuchstaben codierten bei Grammophon/Polydor vor dem Krieg immer die Aufnahmetechniker und die römischen Ziffern das Studio.


Chris, vielen Dank für die Informationen. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob es tatsächlich stimmt, dass die Tonmeister die "Stars" waren und die "Folienschneider" nur "Techniker". Mit anderen Worten, wenn SCHW (Hans-Peter Schweigmann) in der Rille steht, hat er dann auch die Folie geschnitten oder referenziert das wirklich nur auf den Aufnahmeleiter?
Danke und Gruss, Sebastian[/quote]
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Re: DGG-/Polydor-Matrizen

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Gepostet: 13.03.2017 - 13:18 Uhr  ·  #10
Ich verstehe den Sinn der letzten Frage nicht ganz - bei der alten Direktschnitt-Technik gab es immer genau einen Aufnahme-Ingenieur, der für die betr. Sitzung verantwortlich war, und dessen Matrizenserie(n) wurde logischerweise benutzt. Später, als die Aufnahmen auf Band gemacht wurden, fehlt diese Information freilich auf der davon gezogenen Lackfolie: Alle Nachkriegs-Polydor-78er sind in einer einzigen Nummernfolge, da vermutlich alle Band-zu-Folie-Umschnitte in Hannover gemacht wurden (in früheren Jahren hatte jeder Ingenieur ja gerade deshalb seine eigene Matrizenserie, damit keine Nummernkonflikte entstanden, wenn gleichzeitig von drei Herren etwa in Berlin, München, und Wien aufgenommen wurde). Ob die in der Nachkriegszeit nach wie vor wechselnden Buchstabenkürzel weiterhin die Identität des (Band-)Aufnahmeleiters codieren oder doch den des Technikers, der die Folie schneidet, ist mir nicht sicher bekannt. Es liegt nahe, dass es "nur" der Folienschneider ist, denn es war sicherlich firmenintern relevant zu wissen (vor allem im Fall von Mängeln), wer für die Fertigung welcher Folie/Matrize verantwortlich war. Sinnvollerweise werden andererseits die Bänder mit den Namen der Aufnahmeleiter gekennzeichnet gewesen sein, eine Information, die weder für den Folienschnitt noch für die darauffolgende Pressung erheblich ist und deshalb (wahrscheinlich) auch nicht auf der Platte aufscheint.

Der Name Schweigmann sagt mir allerdings nichts, auch eine Buchstabenfolge SCHW kommt nicht vor, und das System der Polydor-Suffixe funktioniert auch nicht anhand von Initialen oder abgekürzten Namen. Wenn wir die uralten mechanischen Trichteraufnahmen außer Acht lassen, beginnt das Polydor-System 1925 mit einer Reihe von Buchstabenpaaren:

Ingenieur 1: bd (25cm) und be (30cm)
Ingenieur 2: bf (25cm) und bg (30cm)
Ingenieur 3: bh (25cm) und bi (30cm)
usw. bis "bz". (nicht alle Buchstaben kommen praktisch vor).

Ab 1928 wurden der Lesbarkeit halber Großbuchstaben statt der Kleinbuchstaben verwendet.

ACHTUNG: Jede einzelne Serie hat ihre eigene Nummernfolge!! Eine Polydor-Matrize "4711" ohne Buchstaben bedeutet also gar nichts, denn "4711 BR" enthält völlig andere Musik als "4711 BD" oder "4711 BH". Man darf auch nicht Nummern mit verschiedenen Suffixen als eine Serie betrachten:

1234 BV
1235 BV
1236 BV

können dieselbe Aufnahmesitzung sein,

3456 BK
3457 BS
3458 BD

stehen aber nur zufällig hintereinander, stammen aus DREI Sitzungen an unterschiedlichen Daten und Orten.

Ein manchmal auftauchender dritter Buchstabe bezeichnet einen Aufnahmeort im Ausland: "BKP" ist von Ingenieur "BK" in Paris aufgenommen, "K" ist Kopenhagen, usw.

Mit dem Wechsel des Aufnahmeverfahrens 1934 ändern sich die vorderen "B" zu "G", aus "BN" wird also "GN", aus "BR" wird "GR" usw. Die Nummernfolge läuft jeweils weiter. Nachdem "GZ" erreicht war, wurden neu eingestellten Ingenieuren Serien beginnend mit "H" und noch später mit "K" zugeteilt. ("I" wurde wegen der Verwechslungsgefahr mit "1" ausgelassen, "L" hat einen Sonderzweck, nämlich kleine 15cm und 20cm Kinderplatten). Vor Kriegsende war "KI" als letzte reguläre Matrizenserie erreicht. Alle Kriegs- und Vorkriegsaufnahmen sind Direktschnitte.

Dementsprechend beginnen die Bandumschnitte 1946 (seither wurde nichts mehr im Direktschnitt aufgenommen!) mit Nr. 1 KK. Dieses "KK" ist also mitnichten ein Initial für "Klaas Klever" oder dergleichen, sondern einfach die nächste noch nicht belegte Buchstabenkombination! Mehrere Jahre lang wurden diese Buchstaben für ALLE 78er-Matrizen aus Bandoriginalen verwendet, gleichgültig wo und von wem die Aufnahme gemacht wurde, oder welchen Durchmesser die fertige Platte hat. Länger spielende "Variable Grade"-Seiten bekamen ein "L" vorneweg (LKK), 30cm-Platten eine Null vor die Nummer (0234 KK steht z.B. zwischen 25cm-Platten 233 KK und 235 KK) und die ersten 45er Singles bekamen eine separate Serie "SS" beginnend vermutlich bei Nr. 30000.

Anfang der 1950er Jahre wechseln dann die Buchstabenkombinationen wieder, aber INNERHALB DERSELBEN NUMMERNFOLGE (im Gegensatz zur älteren Praxis): Statt "KK" heißt es jetzt fallweise "DH", "WS", usw. Dies _könnten_ Initialen sein, einen Beleg dafür habe ich nicht. Dies ist dann auch die letzte Form von Matrizennummern bei Polydor, 1958, offenbar zeitgleich oder sehr zeitnah mit dem Ende der 78er-Produktion, fallen sie ganz weg und werden ersetzt durch die Bestellnummer der Platte mit Zusatz "A" bzw. "B" um die beiden Seiten zu unterscheiden.

Obiges nur eine kurze Zusammenfassung aus dem Gedächtnis, bitte um Entschuldigung, dass ich auf die in über 30 Jahren Firmengeschichte unvermeidlichen Ausnahmen von dieser Systematik nicht weiter eingegangen bin.

Chris
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Re: DGG-/Polydor-Matrizen

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Gepostet: 15.03.2017 - 18:03 Uhr  ·  #11
Chris,

vielen Dank für die vielen Informationen. Spannend :)

Einige Anmerkungen:
Zitat
Anfang der 1950er Jahre wechseln dann die Buchstabenkombinationen wieder, aber INNERHALB DERSELBEN NUMMERNFOLGE (im Gegensatz zur älteren Praxis): Statt "KK" heißt es jetzt fallweise "DH", "WS", usw.
Die Umstellung erfolgte bereits zum Januar 1951. Polydor 48472 (12.01.1951) hat bereits DH.

Zitat
die ersten 45er Singles bekamen eine separate Serie "SS" beginnend vermutlich bei Nr. 30000.
Es gibt zwar jede Menge Polydor Vinyl 7" mit SS (bis 1960), allerdings wurde SS auch bereits bei Polydor Shellacs im Jahre 1951 verwendet, z. B. Polydor 48593: 2839 SS und 2840 SS.

Vinyl 7" beginnen m.W. 1953 und ab Nr. 51000. Beispiel: Polydor 20008 vom Mai 1953 hat 51018 S und 51019 S II.

Die Kürzel SCHW usw. sind nur auf Pressungen der DGG zu finden, nicht auf Polydor, Brunswick, Coral, etc.

Beste Grüße
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Re: DGG-/Polydor-Matrizen

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Gepostet: 24.03.2017 - 22:06 Uhr  ·  #12
Hallo Freunde der DGG,
von einem anderen Forum habe ich folgende Namen von DGG-Tonmeistern bekommen, die sich als Initialen auch jeweils in den Auslaufrillen befinden:
Joachim Augustin - AU-SL, AU-V (1960er)
Harald Baudis - BS, BS II, BA-S, BA-SL, BA/SL, BA/V, BA/W, BA◇K, BA◇K II, BA◇N, BA◇V, BA◇W (1950er - 1970er)
Werner Grimme - GN, GS, GS II, GS III, G/S, G/SL (50er / 60er)
Gerhard Henjes - HE-K, HE/SL, HE/W, HE◇K, HE◇W (60er)
Günter Hermanns - HR-K, HR-S, HR-SL, HR/S, HR◇K, HR◇V, HR◇W (60er)
Heinrich Keilholz - KN, KN II, KS, KS II, KS III, KE/S (50er)
Klaus Scheibe - SCH◇V, SCH◇W (60er)
Hans-Peter Schweigmann - SCHW-S, SCHW◇K, SCHW◇W (60er)
Alfred Steinke - STS, STS II, STW (50er)
Karl-Heinz Westphal - WS, WS II, WS III (50er)
Walter Alfred Wettler - WE-S, WE/S, WE◇N, WE◇W (60er)
Heinz Wildhagen - WIS, WIS II, WI-K, WI-S, WI-W, WI/S, WI◇K, WI◇N, WI◇V, WI◇W (50er / 60er)
Werner Wolf - WOS, WO-W, WO/S, WO/SL, WO◇K, WO◇W (50er / 60er)

Jetzt stellt sich mir umso mehr die Frage, ob der "Tonmeister" sowohl der Aufnahmeleiter als auch der Folienschneider war oder nicht.

Willem Makee, ein ehemaliger Folienschneider in der Podbi hat gesagt, die Aufnahmeleiter der DGG waren die Stars, alle anderen waren nur "Techniker". Aber vielleicht war das vor seiner Zeit in Hannover anders?

Und ich würde wirklich zu gerne erfahren, wofür ◇K, ◇N, ◇V usw. stehen...

Chris, darf ich fragen, was Du bei der DGG gemacht hast?

Danke und Gruss, Seb
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